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Totgesagte leben länger - Alles Gute zum 61. Geburtstag, Roger Waters!

Waters

Mancher Besucher wird sich möglicherweise die Frage stellen, was denn wohl Geburtstagsgrüße an einen Künstler der musizierenden Zunft ausgerechnet auf den Seiten der GegenPropaganda zu suchen haben mögen. Die Antwort liegt in der Arbeit und den Werken Waters begründet. Übrigens war der Geburtstag Waters selbst den FAZ'kes einen Artikel wert. So erschien in der FAZ am 9.9. (Ausgabe 210) auf Seite 37 ein ziemlich konfuser Text, beginnend mit der Einleitung " Rockmusik und Pädagogik vertragen sich schlecht. Daß die englische Gruppe "Pink Floyd" erfolgreicher wurde als fast jede andere, indem sie Rockmusik als Pädagogik machte, ist deshalb besonders erstaunlich"

Was denn hier konkret den Verfasser Edo Reents in akutes Erstaunen versetzte, kann ichbeim besten Willen nicht nachvollziehen. Was mich jedoch eine Zone grenzenloser Verwunderung durchschreiten lässt, ist zum einen die ebenso leichtfüßige wie willkürliche Interpretation mit welcher Reents hier pädagogische Ambitionen in die Werke Waters hineininterpretiert, und zum anderen die Tatsache, dass die FAZ es mit ihrer Recherche offenbar nicht sehr genau nimmt.

So hat Reents Waters schlicht ein falsches Geburtsdatum verpasst. Aber es handelt sich eben nur um die FAZ, und da kommt es dann offenbar schon mal zu gewissen Toleranzen bei recherchiertem Zahlenmaterial.. . Aber so höflich es auch seitens der FAZ scheint, dem 1943 geborenen Waters 2004 zum 60. Geburtstag einen Artikel spendieren zu wollen, so zeugt das doch von einer guten Portion Dämlichkeit.

Da es übrigens verständlicherweise ein doch ziemlich hoffnungsloses Unterfangen darstellt, das nunmehr fast vierzigjährige Schaffen Roger Waters als Musiker in diesem Artikel auch nur halbwegs vollständig zu umschreiben, bleibt mir zwangsläufig nur die Beschränkung auf einige Bruchstücke. Am Ende des Artikels habe ich mir aber erlaubt eine kommentierte Linkliste anzufügen.

Geboren wurde George Roger Waters am 6. September 1943 (nein, lieber Herr Reents, nicht am 9.9. und schon gar nicht 1944..). Seine Mutter war Schuldirektorin, sein Vater, Eric Fletcher Waters, fiel 1944 in Italien bei dem Versuch der Erstürmung eines von Nazis gebildeten Brückenkopfes bei Anzio. Dieses Trauma bringt Roger übrigens im Konzeptalbum The Wall in dem Titel "When the tigers broke free" zum Ausdruck, weshalb wir ihm an dieser Stelle auch selbst das Wort überlassen:

"When The Tigers Broke Free"

And kind old King George sent Mother a note
When he heard that Father was gone.
It was, I recall, in the form of a scroll,
With gold leaf and all.
And I found it one day
In a drawer of old photographs, hidden away.
And my eyes still grow damp to remember
His Majesty signed with his own rubber stamp.
It was dark all around, there was frost in the ground
When the Tigers broke free.
And no one survived
From the Royal Fusiliers Company C.
They were all left behind,
Most of them dead, the rest of them dying.
And that's how the High Command
Took my daddy from me.

Es ist anzunehmen, dass diese Erfahrung im Leben des jungen Waters bereits den Grundstein für seine militant antimilitärische Einstellung legte. So war Waters bereits im Alter von 16 Jahren Mitglied der "Campaign for Nuclear Disarment" und beteiligte sich alljährlich im Rahmen der Ostermärsche an den Protesten. Dieser Einstellung hielt Waters bis heute die Treue. Doch würde man ihm Unrecht tun, versuchte man Waters etwa auf einen, wenn auch zweifellos brillanten, "Musiker mit pazifistischen Ambitionen" zu reduzieren. Davon, das es sich keineswegs so verhält, zeugen neben den bekanntesten Alben der Floyd-Ära, genannt sei hier "Dark Side Of The Moon" (fast 15 Jahre in den Top 200 Album Charts) und "The Wall" (ausgezeichnet mit 23x Platin), vor allem die Werke welche er nach 1985 (Trennung von Pink Floyd) veröffentlichte.

Exkurs: Verscherbeltes Erbe

Nach dem Bruch Waters 1985 mit den übrigen Bandmitgliedern der von Roger Waters und Syd Barret 1966 gegründeten Formation "Pink Floyd" verstanden die Übriggebliebenen Bandmitglieder es, sich den Namen "Pink Floyd" zu sichern und einigen Profit aus den Kompositionen Waters zu schlagen. Dieser hatte Themen und Stil der Formation maßgeblich getragen ("The Wall" stammt z.B. vollständig aus seiner Feder), und nach dessen Fortgang wurde auch sehr schnell klar, wer für die Kreativität der Band verantwortlich zeichnete. Bei aller klanglichen Perfektion, welche sich die Band auch weiterhin bewahrte, so ist das eigenständig produzierte und 1994 erschienene Album "The Division Bell" doch ziemlich enttäuschend. Zwar ist der Sound perfekt, musikalisch als auch essenziell ist die Scheibe jedoch bestenfalls als durchschnittlich zu bewerten. Schlicht: Langweilig. Als Gipfel der Kreativität der "Restformation" ist somit deren Vertrag mit der Volkswagen AG zu werten, dessen Symptome ab und an noch in Form eines "Golf Pink Floyd Edition" auf den Straßen zu beobachten sind. Mit seinem "The Wall" Konzert auf dem Potsdamer Platz im Sommer 1990 zog Roger Waters dagegen über 300.000 begeisterte Menschen in seinen Bann.

Will man sich mit möglichst wenig Aufwand ein möglichst zutreffendes Bild sowohl über den Menschen als auch über den Musiker Waters verschaffen, so bieten sich hierfür insbesondere die Alben "The Wall" (hier sind recht viele autobiographische Komponenten eingeflossen) so wie "Amused to Death" (ein gesellschaftskritisches Konzeptalbum, basierend auf dem Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" des vor einem Jahr verstorbenen Medienökonoms Neil Postman, welches es meines Erachtens in jeder Hinsicht "in sich" hat) an.

Bei Roger Waters handelt es sich um einen Typus Künstler, wie er zu Zeiten in welchen ein Dieter Bohlen lesender Thomas Gottschalk für überfüllte Hörsäle in deutschen Universitäten sorgt (so geschehen am Donnerstag, dem 7. November 2002 im Hörsaal 3A der Heinrich Heine Universität in Düsseldorf) wohl kaum mehr anzutreffen ist.

Waters bezieht nicht nur in seinen Werken eine klare Position, er nimmt auch in Interviews kein Blatt vor den Mund. Hier exemplarisch seine Antwort in einem Interview auf die Frage was ihn zum Titel "What God Wants" inspirierte:

"'I'm very upset by religious dogma. 'I get angry, gobsmacked in fact when I hear George Bush saying that God was on their side during the Gulf war. It's amazing that in 1992, one of the most powerful men in the world can reduce political rhetoric to that level. But that's what he has to do, to get votes and maintain power and then use that power to help the American automobile industry.'"

Was hier noch auf "Bush Father" gemünzt ist, findet übrigens eine aktuelle Fortsetzung in Bezug auf "Schorsch Dabbelju Junior", zu welcher ich im weiteren Verlauf aber noch kommen werde.

Dass es sich bei Waters also eben nicht um so etwas wie einen "pazifistischen HigTech-Liedermacher" handelt, wird gerade in seinem Album "Amused To Death" überaus deutlich. Waters beschränkt sich hier nämlich keinesfalls auf die musikalische Umsetzung Postmans zentraler These, womit etwa ein postmoderner "Deutschland sucht den Superstar - Gewinner" bereits hoffnungslos überfordert sein dürfte. Postmans These lautet, zusammengefasst, dass die Medien zunehmend nicht nur bestimmen, was wir kennen lernen und erleben, welche Erfahrungen wir sammeln, wie wir Wissen ausbilden, sondern auch, was and wie wir denken, was und wie wir empfinden, ja, was wir von uns selbst und voneinander halten sollen. Zum ersten Mal in der Geschichte gewöhnen die Menschen sich daran, statt der Welt ausschließlich Bilder von ihr ernst zu nehmen. An die Stelle der Erkenntnis- und Wahrnehmungsanstrengung tritt das Zerstreuungsgeschäft. Die Folge davon ist ein rapider Verfall der menschlichen Urteilskraft. In ihm steckt eine unmissverständliche Bedrohung: Er macht unmündig oder hält in der Unmündigkeit fest. Und er tastet das gesellschaftliche Fundament der Demokratie an. Wir amüsieren uns zu Tode.

Roger Waters beschränkt seine Kritik jedoch keineswegs auf den (massen-) medialen Einfluss auf die Gesellschaft. Kapitalismus, Dogmatismus, Krieg und Repression stehen gleichfalls im Mittelpunkt seiner Kritik. Es ist eine unvergleichliche Mischung aus politischer Sensibilität und beißendem Spott, so wie dem trotz pessimistischer Akzente stets anzutreffende Humor, welche Waters zu einem ebenso eigenwilligen wie einzigartigen Künstler macht. Trotz ihrer sowohl technischen wie auch musikalischen Perfektion ist stets auch Waters authentische Betroffenheit wahrzunehmen. Rein nach Verkaufsprognosen und nach Marktanalysen komponierte und emotionslos vorgetragene Musik ist nicht Waters Stil. Hierzu äußert er sich auch überdeutlich in " It's A Miracle":

[..
Lloyd-Webber's awful stuff
Runs for years and years and years
An earthquake hits the theatre
But the operetta lingers
Then the piano lid comes down
And breaks his fucking fingers
..]

Wer auf der Suche nach Musik jenseits von "Brahms" und "Bravo Hits" ist, sei auch gleich auf zwei neue Titel Roger Waters hingewiesen: Der erste wäre "To Kill The Child", in welchem Waters den ausufernden Konflikt zwischen Politik, Religion und Korporation kritisiert. Der zweite lautet "Leaving Beirut" und beschreibt die Geschichte eines Handlungsreisenden, welcher in der Wüste von Einheimischen eingeladen wird und sich nach all der Gastfreundschaft fragen muss: „Are these the people that we should bomb, are we so sure they mean us harm?“. Hierin beschimpft Waters US Präsident George W. Bush („that Texas education must have fucked you up when you were very small”), und auch Tony Blair kommt nicht ungeschoren davon ("Not in my name, Tony, you great war leader, you“).

Mit der Arbeit an den beiden Titeln began Waters übrigens "... unmittelbar nach der Invasion des Irak, welche heute fünfzehn Monate zurückliegt. Es scheint angebracht, die Stücke vor der US-Präsidentschaftswahl ins Netz zu stellen“, sagte das ehemalige Pink Floyd-Mitglied. „In der Vergangenheit gab es immer Leute in der Künstlergemeinde, die ihre Meinung zu Dingen gesagt haben, an die sie glaubten, und das sollten sie nach wie vor tun. Ich sollte damit weitermachen, ob es nützt oder nicht, da ich fühle, dass ich eine Verantwortung mir gegenüber habe, dies zu tun“.

("…immediately after the invasion of Iraq, which is now fifteen months ago. It seems apposite to throw them out there on the Net, before the election. Historically, there have always been people within the artistic community who have spoken out about things they believe in and they should continue to do so. I shall certainly continue to do so, whether it has any effect or not, because I feel I have a responsibility to myself to do that.")

Leider sind diese beiden Titel bis dato nur als "Downloadversionen" bei verschiedenen Online-Anbietern erhältlich. Wer aber zunächst "nur mal 'reinhören" möchte kann das kostenlos auf www.rwaters.com tun (beachten Sie bitte hierzu auch die kommentierte Linkliste).

An Roger Waters bleibt anlässlich seines 61. Geburtstages nur der Appell: Keep up the good Work !

Werner Hupperich

 

Linkliste (mit Anspruch auf Unvollständigkeit):

1. Die offizielle Webseite Roger Waters www.rwaters.com

2. Eine sehr gute, regelmäßig aktualisierte englischsprachige Seite www.rogerwatersonline.com

3. Eine wirlich umfassende Enzyklopädie über Pink Floyd www.floydian.de

4. An analysis of "Amused To Death" by John Izaak Alpert

Hinweis zu 4.: Alperts originalpage ist leider nicht mehr online. Der Text ist jedoch unter obigem Link auf einer anderen Seite noch abrufbar; http://members.fortunecity.com/jkilgour/amusedanalysis.html

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