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Auch wenn diese Arbeit bereits im Jahre 2000 erstmalig veröffentlicht wurde, so ist sie dennoch aktuell. Denn insbesondere im Kontext mit den jüngst dem Volk seitens der Politik verordneten Reformen (Agenda 2010, Hartz) vermag diese doch einiges zur Aufklärung der Hintergründe beizutragen. Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse im Zeitalter der "Globalisierung" Prof. Dr. Klaus Peter Kisker (FU Berlin)
Das Kommunistische Manifest war und ist bis heute eine großartige Beschreibung der kapitalistischen Entwicklung mit ihrem antagonistischen Charakter der Vergesellschaftungsprozesse. Es ist zugleich ein glühender Appell an die Proletarier, auf der Basis von Einsicht und Bewusstsein die Ketten zu sprengen, die sie an diese ahumane Produktionsweise fesseln. Dieser Doppelcharakter des Manifestes – Analyse und Appell – erscheint mir ebenso wichtig, wie die Tatsache, daß Marx sich in dem Manifest nicht an das Proletariat, sondern an die Proletarier wendet. Die Globalisierung der Kapitale ist für ihn ein Wesensmerkmal des Kapitalismus, ein inhärenter, durch endogene Mechanismen bedingter Prozeß; der Zusammenschluß der abhängig Beschäftigten als Gegenmacht jedoch eine politische Aufgabe, die nicht volontaristisch zu lösen ist. Er warnte: "...eine Revolution aus dem Stegreif, ohne die Bedingungen einer Revolution, zu machen." [1], denn ohne eine genügende ökonomische Basis werde "...nur der Mangel verallgemeinert..." und damit "...auch der Streit um das Notwendigste wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen."[2]. Es ging ihm um "...die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden...", eine Kritik, die "...sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor den Konflikten mit den vorhandenen Mächten."[3] Rücksichtslose Kritik, das heißt heute angesichts wachsender Ungleichheit, zunehmender Arbeitslosigkeit und epidemisch ausbreitender Armut vor allem sich mit dem als "Schicksal" hingestellten Globalisierungsprozeß auseinander zu setzen. Ersetzt man den Begriff der Bourgeoisie durch Manager und Proletarier durch Arbeitnehmer oder abhängig Beschäftigte, ließt sich das Manifest wie eine moderne Analyse dessen, was heute als Globalisierung bezeichnet wird. „Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren... Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisieepoche vor allen anderen aus... Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel... Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet... Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen... Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“ (MEW 4/465f.) Das sind Sätze, die - mit einer etwas anderer Begrifflichkeit - heute von Krugman, Thurow und vielen anderen Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftlern stammen könnten. Marx analysiert hier im Jahr 1848 weitgehend zutreffend die sich aus dem Wesen kapitalistischer Regulierung ergebende Tendenz zur Globalisierung und die Zuspitzung der inneren Widersprüche des kapitalistischen Weltsystems, Agglomeration des Reichtums bei immer wenigeren, Verelendung bei immer größerern Teilen der Weltbevölkerung. Im Kapital nennt Marx die Ursachen für die Globalisierung: „Die Tendenz, den Weltmarkt zu schaffen, ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben“[4], und der "...Weltmarkt (bildet) ...überhaupt die Basis und die Lebensatmosphäre der kapitalistischen Produktionsweise“[5]. Diese Äußerungen zeigen, daß für Marx der Weltmarkt weder ein zufälliges Produkt, noch eine besondere Phase in der Entwicklung des Kapitalismus ist. Seine Entstehung ist im Wesen der kapitalistischen Regulation begründet. Seine theoretischen Aussagen entsprechen den empirischen Befunden, die heute vorliegen. Aus der Fülle der Untersuchungen sei dazu auf die Studie von Hirst/Thompson[6] hingewiesen, die eindeutig belegt, daß Globalisierung keine neue, in den letzten Jahren plötzlich eingetretene Erscheinung ist. Auch der britische Historiker Eric Hobsbawm bestreitet die These, daß die Globalisierung eine neuartige Qualität der internationalen Wirtschaftsbeziehungen darstellt. Er stellt dazu fest: „Die Geschichte der Weltwirtschaft seit der industriellen Revolution ist die Geschichte eines immer schnelleren technologischen Fortschritts, eines ständigen, wenn auch ungleichen Wirtschaftswachstums und einer zunehmenden >Globalisierung< - also die Geschichte einer zunehmend komplizierteren und weltweiten Arbeitsteilung und eines immer dichter werdenden Netzwerks aus Güterströmen und Tauschbeziehungen, das jeden einzelnen Bereich der Weltwirtschaft zu einem globalen System verband.“ [7] Unbestreitbar ist also, daß das, was heute als Globalisierung bezeichnet wird, ein Prozeß ist, der sich vom Anfang kapitalistischer Regulierung an durchgesetzt hat. Mit der erfolgreichen Durchsetzung internationaler Rechtssicherheit - abgesichert durch bi- und multilaterale Vereinbarungen - und der Liberalisierung der internationalen Handelsbeziehungen, vor allem aber durch die von den Kapitalen selbst entwickelten materiellen und virtuellen Kommunikationstechniken wurden gezielt die Voraussetzungen geschaffen, die die Weltmarktexpansion ermöglichte. Die Möglichkeit profitsteigernd auf dem Weltmarkt zu agieren, bedeutet für die einzelnen Kapitale ein Zwang zu expandieren. Aus der Tatsache, daß sich die Weltmarktexpansion der Kapitale entsprechend der gewachsenen rechtlichen und technischen Voraussetzungen entwickelt hat, den Schluß zu ziehen, in den vergangenen Jahrzehnten habe ein qualitativer Sprung in der Entwicklung der Weltwirtschaft stattgefunden, ist weder theoretisch noch empirisch haltbar. Unbestreitbar ist andererseits auch, daß sich im Zuge der nur durch die beiden Weltkriege und die Zwischenkriegszeit unterbrochenen Verbesserung der Expansionsmöglichkeiten die Konkurrenz der Einzelkapitale tendenziell deutlich verschärft hat. Dies zu beklagen, heißt sein eigenes Tun zu kritisieren und letztlich die eigenen Grundlagen, nämlich die kapitalistische Regulierung, infrage zu stellen. Aus der sich verschärfenden internationalen Konkurrenz zu schließen, daß der Kapitalismus mit der Globalisierung in eine qualitativ neue Phase seiner Entwicklung eingetreten sei, ist nicht nur eine Verkennung der Logik des Kapitalismus, sondern insbesondere ein Ablenkungsmannöver von den wirklichen Problemen der Kapitalverwertung heute. Tatsache ist, daß sich gegenwärtig die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten reiner und damit brutaler denn je durchsetzen. Das heißt, die Marxsche Analyse wird mit jedem Tag aktueller. Die Behauptung von der Systemveränderung durch Globalisierung wird nicht nur mit Daten zur Entwicklung des Welthandels, der Weltproduktion und der internationalen Verflechtungen zu stützen versucht, sondern auch mit der Behauptung suggeriert, daß sich die Kapitale qualitativ verändert hätten. So unterstellen z.B. Julius und Ohmae, daß sich gegenwärtig die multinationalen zu transnationalen Unternehmen oder transnationalen Netzwerken mit einer nahezu unbegrenzten globalen Beweglichkeit gewandelt haben.[8] Ähnlich argumentiert Hirsch: Waren die multinationalen Konzerne „... unter den Bedingungen einer vorherrschend noch auf den nationalstaatlichen Raum bezogenen Regulierung fallweise noch zu sozialen Kompromissen gezwungen, so verleiht ihnen ihre globale Beweglichkeit und eine simple Drohung des Auswanderns heute eine Position, die gegenüber Staat, Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Gruppen immer bestimmender wird.“[9] Auch für Narr/Schubert[10] sind "... riesige Globalunternehmen im Entstehen, die die Struktur der Weltökonomie prägen werden... Sie gruppieren sich als transnationale Netzwerke um sog. "Systemführer", die über die entscheidenden "Basistechnologien" und die Fähigkeit zu umfassenden Integrationsleistungen verfügen.[11] Unbestreitbar ist, daß gegenwärtig ein Umstrukturierungsprozeß der Einzelkapitale stattfindet. Aber Umstrukturierungen als etwas Neues hinzustellen, ist nur mit mangelndem analytischen Verständnis oder mit Gedächtnisverlust zu erklären. Richtig ist, daß Konzentration und Zentralisation wie auch die Spaltung alter Kapitale in nationalem und internationalem Rahmen seit jeher zum Wesen des Kapitalismus gehören. Unbestreitbar ist auch, daß sich die Formen dieser Restrukturierungen mit der Entwicklung der Produktivkräfte und der Veränderung der Rahmenbedingungen geändert haben. Mit aller Vorsicht ist angesichts der offensichtlich nur mit trial and error zu bezeichnenden Umstrukturierungsprozesse in jüngster Zeit als vorherrschende Tendenz zu registrieren[12]:
Der mit diesen Restrukturierungen verbundene Kauf oder Verkauf von Unternehmensteilen ist unabhängig davon, ob er im Inland erfolgt oder grenzüberschreitend abgewickelt wird, eine externe Standortveränderung, die nicht - wie immer wieder behauptet - eine qualitativ neue Mobilität darstellt, denn hier verändern sich lediglich die Besitzstrukturen. Inwieweit als Folge solcher Verkäufe oder Akquisitionen interne Standortveränderungen eintreten, das heißt ein diskriminierender Ausbau oder diskriminierender Rückbau eines Standortes eintritt, ist eine der wesentlichen empirischen Fragen unseres Forschungsprojektes. Externe Standortveränderungen durch Übernahmen bestehender Unternehmen sind im wesentlichen durch zwei Momente zu kennzeichnen:
Vorrangiges Ziel aller Einzelkapitale bei Entscheidungen über Direktinvestitionen war es immer schon und ist es heute noch, neue Absatzmärkte zu erschließen. Die geopolitischen Veränderungen, insbesondere die Zusammenschlüsse von Nationalstaaten zu größeren Wirtschaftseinheiten ohne Zoll- und Handelsbarrieren, sowie die Entwicklung der Kommunikationstechniken geben den MNK neue Möglichkeiten, mit internen Standortveränderungen ihre Gewinne zu erhöhen. Mit der Konzentration von Wertschöpfungsaktivitäten auf eine kleinere Zahl größerer Standorte sind in der Regel die economies of scale zu verbessern. In der Literatur wird aus dieser Standortkonzentration der Schluß gezogen, daß es zunehmend zu einer Herausbildung transnationaler Netzwerke kommt, die sich aus vielen weitgehend eigenverantwortlichen und kontexgesteuerten Einheiten zusammensetzen. Zwischen diesen Einheiten findet nach herrschender Meinung in der Literatur ein intensiver Austausch von Bauteilen, Produkten Menschen, Ressourcen und Informationen statt, der durch das Zentralmanagement lediglich „at arms length“ koordiniert wird.[13] Unsere empirischen Untersuchungen falsifizieren diese Auffassungen weitgehend. Internationale Netzwerkbeziehungen, das heißt reziproke Bezüge von Komponenten in relevantem Umfang konnten wir, wenn überhaupt, praktisch nur innerhalb der EU feststellen. Die Rekonfiguration der global agierenden Konzerne zielt vielmehr auf Spezialisierung der Produktion an bestimmten Standorten. Und je mehr sich Verbundunternehmen auf bestimmte Produkte spezialisieren, um so geringer werden die Möglichkeiten, Produktion zwischen den einzelnen Produktionsstätten zu verschieben. Im Gegensatz zu Narr/Schubert und vielen anderen ist daraus der Schluß zu ziehen, daß in dem Maß wie sich solche Untenehmenskonfigurationen durchsetzen, die Mobilität abnehmen muß. Die theoretischen Überlegungen wie die hier erwähnten oder skizzierten empirischen Befunde zeigen, daß weder die makroökonomischen Daten noch die Umstrukturierungsprozesse bei den Unternehmen den Schluß zulassen, von einem Entwicklungssprung in der kapitalistischen Entwicklung zu sprechen. Globalisierung ist kein die gegenwärtige Entwicklung charakterisierender Begriff. Globalisierung ist eine Nebelkerze, mit der die eigentlichen Ursachen der heutigen wirtschaftlichen Entwicklung verschleiert werden sollen, und Globalisierung ist zugleich ein Kampfbegriff, mit dem versucht wird, sozialstaatliche, profitbegrenzende Maßnahmen von Staat und Gewerkschaften zu beseitigen. Mit dem Wortgetöse von der Globalisierung wird verschleiert, daß die kapitalistischen Systeme in den 70er Jahren in eine längerfristige Akkumulationskrise geraten sind. Wie insbesondere Jörg Huffschmid in seiner brillanten Veröffentlichung "Die Politik des Kapitals"[14] gezeigt hat, herrschten nach dem Zweiten Weltkrieg für das Kapital ganz besonders günstige Verwertungsbedingungen. Die Kapitalvernichtungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg haben in Verbindung mit der Koreakriese und dem Kalten Krieg den westlichen Industrienationen quasi frühkapitalistische Reproduktionsbedingungen beschert.[15] Mitte der 70er Jahre sind diese exogenen Faktoren, die 30 Jahre lang noch einmal eine beschleunigte Kapitalakkumulation ermöglichten, ausgelaufen. Seitdem erleben wir die von Marx vor 150 Jahren abgeleitete und bis in die 30er Jahre zu beobachtende Zuspitzung erneut. Weniger denn je kann man sich angesichts der gegenwärtigen Entwicklung vor der Aussage im Kommunistischen Manifest drücken: „Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen.-Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; andererseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“ (MEW 4/468) Das ist genau das, was wir heute beobachten können. Die strukturelle Überakkumulation ist eine längerfristig sich anbahnende, absehbare Entwicklung, die im Unterschied zur zyklischen Überakkumulation nicht auf zwangsläufig falschen Signalen seitens des Marktes beruht. Anhaltende Überkapazitäten und sinkende Profite signalisieren den Unternehmen die Überakkumulation und fordern strategisches Handeln seitens der Kapitale. Das Problem dabei ist - wie von Marx und rund 100 Jahre später von Harrod analysiert -, die kapitalimmanent logische Reaktion der Unternehmen verschärft längerfristig diese strukturelle Überakkumulationskrise. Die zyklendurchschnittliche Einschränkung der Realkapitalakkumulation, insbesondere die Reduzierung der Erweiterungsinvestitionen und die neuen, Produktionskapazitäten vernichtenden Restrukturierungsstrategien bremsen zwar den Fall der Profitrate, bewirken aber eine weitere zyklendurchschnittliche Senkung der Akkumulationsrate. Die Einschränkung der Realkapitalakkumulation - deutlich abzulesen an der gesunkenen Investitionsquote - bei Zunahme des Anteils der Rationalisierungsinvestitionen bedeutet, daß das zyklendurchschnittliche Wachstum der Arbeitsproduktivität über dem Wachstum des SP liegt. Eine solche Konstellation muß zu einer überzyklischen Entlassung von Arbeitskräften führen. Angesichts dieser Entwicklung herrscht Erklärungsnot bei den Vertretern des Kapitals. Sie können die Symptome der strukturellen Überakkumulation nicht einfach eskamotieren und selbstverständlich können sie nicht eingestehen, daß die gegenwärtige Krise systembedingt ist, sie können nicht einmal zulassen, daß Vermutungen in dieser Richtung entstehen. Also werden die Ursachen für Wachstumsschwäche, Arbeitslosigkeit, Verarmung und Verelendung exogenisiert. Obwohl alle hochindustrialisierten Länder inzwischen von der Überakkumulationskrise erfasst sind und alle ähnliche Symptome zeigen, wird die Schuld an der gegenwärtigen Entwicklung in jedem Land jeweils dem Rest der Welt zugewiesen. Neben dieser Ablenkungsfunktion hat der Globalisierungsbegriff die Aufgabe, Strategien und Taktiken der Kapitale zu legitimieren. Auch dies ist nicht neu. Mit dem Hinweis auf die sich aus der Globalisierung ergebenden "Sachzwänge" lassen sich dann und soweit Maßnahmen, die die Lage der abhängig Beschäftigten verschlechtern, durchsetzen, wie diese als unumgänglich notwendig angesehen werden. Mit der Begründung, die Globalisierung zwinge dazu, wurde in den letzten Jahren eine rigorose Umverteilung des Volkseinkommens zu Lasten der abhängig Beschäftigten, Lohnsteigerungen unter dem Produktivitätszuwachs und der Abbau von Sozialstaatlichkeit durchgesetzt und die Produktivkraft durch rücksichtslose Rationalisierung sowie durch eine Optimierung des Arbeitskräfteeinsatzes, was Marx die Entwicklung des subjektiven Faktors oder Intensivierung der Arbeit genannt hat, gestärkt. In Wahrheit sind dies Mittel, die das Kapital schon immer eingesetzt hat. Diese Strategien[16], die in Verbindung mit der zunehmenden Geldkapitalbildung in den 80er Jahren den Fall der Profitrate nicht nur stoppen konnten, sondern sogar einen Anstieg der Profite zur Folge hatten, haben eins gemeinsam: sie stabilisieren den Profit der Kapitale auf Kosten der Gesellschaft und der Natur und damit auf Kosten der längerfristigen Entwicklung. Die strukturelle Überakkumulation erfordert, die genannten, kompensierenden Umverteilungsmaßnahmen zu forcieren. Daraus folgt weder die „große“ Krise noch das Ende, sondern zunehmende privatwirtschaftliche Effizienz und Rationalität bei wachsender gesellschaftlicher Irrationalität der kapitalistischen Systeme. Dies wird nirgendwo deutlicher, als bei dem gegenwärtigen Stand und der zu erwartende Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Unbestreitbar ist das Humankapital die wertvollste Ressource jeder Gesellschaft. Unbestreitbar gibt es in der Welt viel zu tun. Die Beseitigung von Umweltschäden, die Umstellung auf umweltschonende Energie-, Verkehrs- und Abfallsysteme, die Sanierung der Städte, die Versorgung mit Wohnungen und mit sozialer Infrastruktur sind Beispiele für dringende Aufgaben, die viel Arbeit erfordern. Auf der anderen Seite gibt es Frauen und Männer, von denen die Mehrheit arbeiten kann und arbeiten will, die aber durch die Steuerungsmechanismen der kapitalistischen Systeme daran gehindert werden, ihre Kräfte für eine bessere Versorgung der Gesellschaft einzusetzen. Anhaltende und mit Sicherheit noch steigende Massenarbeitslosigkeit angesichts der Fülle zu bewältigender Aufgaben ist nur ein - wenn auch besonders bedrückendes - Beispiel der Regulationskrise, die die liberalistischen Gleichgewichts- und Optimierungsillusionen der herrschenden Lehre ad absurdum geführt haben. Die gegenwärtigen kapitalistischen Regulierungsmechanismen hemmen beziehungsweise pervertieren die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Sie zeigen die Zuspitzung der Widersprüche und belegen, daß die kapitalistischen Systeme an ihre historische Schranke gestoßen sind. Mit der Worthülse Globalisierung wird Politik gemacht. Die zunehmende Irrationalität der kapitalistischen Syteme wird von der Masse der abhängig Beschäftigten zwar nicht als solche gesehen, aber unübersehbar wächst insbesondere in Europa das weitgehend unstrukturierte Unbehagen an der gegenwärtigen Entwicklung. Die Wahlen in den letzten Jahren, insbesondere die Wahlergebnisse in den von der Zuspitzung besonders betroffenen neuen Bundesländern, aber auch die Erfolge der Bücher von Vivian Forrester, John R. Saul, Robert Misik und Martin/Schumacher zeigen den Stimmungswandel, zu dem angesichts der Aufgabe beziehungsweise der Unterdrückung linker Alternativen leider auch die schleichende Faschisierung mit dem erschreckenden Erstarken rechtsradikaler Positionen gehört. Zu Recht fürchten die Kapitale in Europa, daß die nationalen Parlamente und Regierungen dem Druck der zunehmenden Massenarbeitslosigkeit auf Dauer nicht standhalten und bei zunehmender Verarmung den rigorosen Abbau von Sozialstaatlichkeit nicht fortsetzen können. Sie fürchten, daß hier die Geschichte und Tradition der Arbeiterbewegung nicht ganz vergessen ist. Deshalb bedarf es der Legitimierung des gegenwärtigen Kurses der akzellerierten Ausbeutung durch den Hinweis auf unvermeidliche Sachzwänge. Globalisierung ist weder eine wissenschaftlich haltbare Charakterisierung der gegenwärtigen Epoche des Kapitalismus noch ist sie ein Sachzwang, Globalisierung ist - wie Ulrich Beck schrieb - ein neuer Begriff für Klassenkampf von oben.
http://www.wiwiss.fu-berlin.de/w3/w3kisker/
4 Karl Marx, Grundrisse, S.311 5 Karl Marx, Kapital Bd. III, MEW 25, S.120 6 Paul Hirst/Grahame Thompson, Globalization in Question, Cambridge 1996 7 Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, München 1995, S.118 8 De Anne Julius, Global Companies and Public Policy, London 1990; Kenichi Ohmae, The Borderless World, London 1990 9 Joachim Hirsch, Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus, Berlin 1995, S. 117 10 Wolf-Dieter Narr und Alexander Schubert, Weltökonomie. Die Misere der Politik, Frankfurt/M 1994 12 Die folgenden Überlegungen und Untersuchungsergebnisse beruhen auf einem DFGForschungsprojekt zum Thema "Globalisierung und internationale Mobilität deutscher Industrieunternehmen", das unter meiner Leitung von Ulrich Bochum, Christoph Dörrenbächer und Michael Wortmann getragen wird. 13 Vergl. Christoper A. Bartlett/Sumantra Ghoshal, Internationale Unternehmensführung, Frankfurt a.M./New York 1990 15 Unbestreitbar war das kapitalistische Weltsystem bereits Ende der 20er Jahre in eine überzyklische Krise geraten, die Alvin H. Hansen von einer säkulare Stagnation sprechen ließ. Aus dieser Krise hat es sich nicht aus eigener Kraft, das heißt aufgrund kapitalismusendogener Kräfte lösen können. Es sei nur daran erinnert, daß die sogenannte Große Weltwirtschaftskrise in den USA praktisch bis zum Ende der 30er Jahr dauerte, das heißt bis zu dem Zeitpunkt der aktiven Kriegsvorbereitungen. 16 Weitere
Maßnahmen zur Stabilisierung der Profite waren und sind: Die Verlagerung
von Werkbankproduktion in Billiglohnländer, verstärkte Ausplünderung
der Dritten Welt, Externalisierung von Kosten zu Lasten der Umwelt und
zunehmende Inanspruchnahme des Staates durch Subventionen.
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