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„Weg mit Hartz IV – das Volk sind wir!“
Untertänige Beschwerden bei der Obrigkeit

Seit Wochen finden sich, vornehmlich im deutschen Osten jeden Montag nach Beendigung ihres Tagewerks Menschen massenhaft auf großen Plätzen ein, um ihrer Enttäuschung über eine Politik Ausdruck zu geben, von der sie sich seit der „Wende“ anderes erwartet haben. Das ist schon enttäuschend. Dass die Beschlussfassung über ihre Lebenslage im Prinzip bei der jeweils gewählten politischen Obrigkeit am besten aufgehoben ist, diesen Grundsatz wollen sie nicht aufkündigen. Den unterstreichen sie lautstark mit ihrer Lieblingsparole: „Wir sind das Volk!“ Dabei hätten sie ganz besonders gute Gründe, auf die Berliner Politik zu pfeifen. Wie absolut unverträglich Schröders Reformen zur Sanierung des deutschen Standorts mit ihren eigenen materiellen Interessen sind, erfahren sie nämlich ganz besonders: Erstens dadurch, dass zusammen mit dem wirtschaftspolitischen Abschreiben des Aufbruchsprojekts für den deutschen Osten – Kohls „blühende Landschaften“ – auch sie ihre Wünsche auf Dauer beerdigen können, vielleicht doch irgendwann einmal auf halbwegs gesittetem Niveau in ihrem neuen Vaterland durchs Leben zu kommen; und zweitens dadurch, dass das Ersetzen von Rechten aus einer Arbeitslosenversicherung durch reduzierte Leistungen nach Maßgabe der sozialen Bedürftigkeit zwar überhaupt nicht speziell auf sie gemünzt ist, speziell sie aber ganz besonders trifft.

Das enttäuschte „Volk“ protestiert untertänig ...
Doch scheint das nicht hinzureichen, ein wenig an dem grundsätzlichen Vertrauen irre zu werden, das sie in ihre Herrschaft und deren Wirken setzen. Vielmehr stellen sie sich unter der Parole zu Demonstrationen auf, mit der sie in Deutschland bei ihren Herren schon einmal großen Eindruck gemacht haben. Das tun sie diesmal aber nicht, um den Regierenden des Staates den Gehorsam aufzukündigen und zu einem anderen überzulaufen, der sie gerne bei sich aufnimmt. Sie erinnern nur an den Dienst, den sie seinerzeit für Deutschland getan haben und für den sie noch heute bei jedem Jubiläumstag unendliche Anerkennung genießen. Und daraus leiten sie für sich das Recht ab, von ihrer Obrigkeit auch weiterhin in entsprechender Weise gewürdigt zu werden. „Wir sind das Volk!“, lassen sie sich vernehmen, um erstens ihre besondere Betroffenheit durch die Berliner Politik zum Ausdruck zu bringen, und um zweitens wegen dieser Betroffenheit auch besonderen Respekt einzufordern. Leute stellen sich da auf, die auf ihre politische Herrschaft ausgerechnet mit dem Argument Eindruck machen wollen, dass sie wirklich nur die Manövriermasse sind, die „Volk“ heißt und die ein Staatsvolk auch nur ist. Ausgerechnet von der Instanz, die sie zu Opfern macht, möchten sie bitteschön nicht auch noch offiziell als solche abgeschrieben werden. Sie möchten partout gegen jede Erfahrung und gegen die ziemlich anders liegenden Absichten von Hartz I–IV [1] noch weiter an die Arbeitsplätze glauben können, die man ihnen mal versprochen hat.

Dafür ist ihnen keine Entgleisung zu billig. Sie halten ihr 50stes Bewerbungsschreiben für einen Arbeitsplatz hoch, den es nicht gibt, nur um zu zeigen, dass sie wirklich jedes Opfer auf sich zu nehmen bereit sind. Sogar auf ihre „Würde“ verweisen sie auf Plakaten, die sie gegen Hartz IV erbarmungslos zu verteidigen gedenken, und bringen da nur das Groteske ihres Protestierens auf den Begriff: Ausgerechnet den schäbigen Rest, der von einem aller seiner Mittel beraubten Menschen noch übrig bleibt, halten sie als ihren allerwichtigsten Besitzstand hoch! „Alles können sie mir nehmen, nur meine Würde nicht!“ Woher kennt man das doch gleich? Wie unbedingt sie auch weiterhin die willigen Untertanen ihrer Herren sein wollen, stellen sie mit der Drohung klar, sie würden dann, „wenn die da oben in Berlin Hartz IV nicht zurücknehmen,“ – so ein Demonstrant im Fernsehen – „den Herr-schaften einen Denkzettel verpassen!“. Bei Gelegenheit der nächsten Wahl ein anderes Personal zur Führung des Landes zu bestellen, eine andere Politikerriege zum Kommando über sich und zur Verfügung über die eigenen Interessen zu ermächtigen: das ist in der Tat die ultimative Waffe von Leuten, die einfach nur „Volk“ sein wollen.

... und wird von der Obrigkeit beschimpft
Doch selbst das kommt den Regierenden der deutschen Demokratie wie eine ungeheure Amtsanmaßung ihrer Untertanen vor. Für Schröder, Clement und Co. beweisen die Montagsdemonstrationen nur eines: Denen haben wir die Sache mit der Demokratie immer noch nicht richtig erklärt. Hier ist Nachhilfeunterricht nötig – und zwar im Schnelldurchgang: Erstens ist jeder Vergleich mit den Montagsdemonstrationen von 1989 eine „Beleidigung“ (Clement) der damaligen ostdeutschen Freiheitskämpfer. Denn die haben ihren Stammplatz in der nationalen Ruhmeshalle gefunden; die Erinnerung an sie darf keinesfalls für so profane irdische Zwecke wie die Sicherung des Lebensunterhalts missbraucht werden. Zweitens richtete sich der Protest damals gegen eine „unmenschliche Diktatur“, die prompt resigniert hat; heute dagegen trifft er auf eine frei gewählte demokratische Obrigkeit, die sich dem „Druck der Straße“ auf keinen Fall beugen darf. Insoweit hat ein demonstratives Aufbegehren also zu unterbleiben, weil sonst der fundamentale Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie eingeebnet wird. Wer es trotzdem tut, beweist damit, dass er noch immer nicht in der Demokratie angekommen ist. Drittens ging es den Demonstranten damals doch nicht um Wohlstand, sondern um Freiheit. „Freiheit statt Sozialismus“, dafür war man doch wohl damals angetreten. Wer trotzdem protestiert, missbraucht glatt die Demonstrationsfreiheit und hängt einem „rückwärtsgewandten“ Denken an. Deshalb ist es viertens kein Wunder, dass lauter populistische Rattenfänger die Proteste für ihre finsteren Zwecke benutzen. Was fünftens deswegen umso schlimmer ist, weil ausgerechnet jetzt und ausgerechnet im einstigen Heimatland der glorreichen Montagsdemonstrationen Wahlen anstehen, bei denen Trittbrettfahrer wie die PDS und die Rechten Stimmen abzusahnen drohen. Das darf schon deshalb nicht sein, weil die PDS – daran kann gar nicht oft genug erinnert werden – doch früher die SED war und deswegen bis heute dafür verantwortlich ist, dass westdeutsche Politiker die „verdeckten Arbeitslosen“ des Realen Sozialismus, nämlich die Masse der „Werktätigen“ der alten DDR, in ehrliche kapitalistische Arbeitslose transformieren müssen – und damit, wie man ja wohl sehen kann, bis heute noch nicht ans Ende gekommen sind. Und das darf auf der anderen Seite des politischen Spektrums deswegen erst recht nicht sein, weil bekanntlich rechts von der CDU in unserer demokratischen Parteienlandschaft einfach kein Platz ist.

Das Fazit dieses demokratischen Sozialkundeunterrichts: Bei Kritik an den herrschenden Verhältnissen hat man sich immer zuerst zu fragen, ob sie auch legitim und von konstruktivem Geist geprägt ist. Nur das zeugt vom rechter demokratischer Gesinnung. Bei „Extremisten“, egal ob vom rechten oder vom linken Rand, ist davon auszugehen, dass solche Kritik nicht erlaubt ist. Jede grundsätzliche Beschwerde ist „altes Denken“, muss deswegen gar nicht erst geprüft, sondern kann gleich als abartig verworfen werden. Denn die „Extremisten“ sind ja immer nur unterwegs, um auf allem und jedem ihr Süppchen zu kochen – was die regierenden und opponierenden Demokraten mit ihren Lektionen bekanntlich überhaupt nicht vorhaben.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung: V.i.S.d.P.: B. Schumacher, GegenStandpunkt Verlag, Türkenstraße 57, 80799 München, www.gegenstandpunkt.com

1 Vgl. dazu auf argudiss.de die anderen Streitschriften zum Umbau des Sozialstaats.
V.i.S.d.P.: B. Schumacher, Gegenstandpunkt Verlag, Türkenstraße 57, 80799 München

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Letztes technisches Update dieser Seite: 30.08.2004