„Stopp Steuerflucht!“ (Kampagne
attac) – Warum das denn?
„Steueroasen bieten Kapital die Möglichkeit,
sich der sozialen Verantwortung zu entziehen.“(Kampagne Stopp
Steuerflucht,6) „Besonders die Folgen von Steuerflucht bekommen
wir alle im Alltag zu spüren. Wenn Sozialsysteme zusammengestrichen,
die Ausgaben für Bildung immer weiter gekürzt und kaum Gelder
für ökologische Reformen zur Verfügung stehen, so ist
dies neben politischen Verteilungsentscheidungen eine unmittelbare Folge
der zumindest in Deutschland immer geringeren Besteuerung von Kapital.“
(Kampagne, 16)
So soll sich das also jeder vorstellen,
der sich an Armut und Sozialkürzung in den sogenannten Industrieländern,
an Hunger und Elend in der Dritten Welt oder an Staatsverschuldung und
-bankrott der sogenannten Entwicklungsländer stört: Diese
hässlichen Erscheinungen der globalen Marktwirtschaft sind eigentlich
gar nicht nötig und von keinem gewollt; sie sind lauter Fälle
unterbliebener Hilfeleistung, wofür „der Reichtum“
eigentlich da und groß genug sein soll. Und auch der Weg, den
privaten Reichtum, ja das „Kapital“, seiner eigentlichen
sozialen „Verantwortung“ zuzuführen, ist längst
da und bestens organisiert: Steuern! Steuern und Steuerstaat
sind nach dieser Sichtweise eine Art Dauerhilfsorganisation, so dass
sie nur Unterstützung verdienen und brauchen. Etwa durch eine Art
Nicht-Regierungs-Steuerfahndung, zu der attac gute Menschen als Kampagne
organisiert. Fragt sich nur: Landen denn Steuern üblicherweise
bei den Armen? So dass man sie und mehr von ihnen nur eintreiben muss?
Und: Warum hat diese Abhilfe nicht längst aufgeräumt mit den
beklagten Zuständen, wenn das doch angeblich für jeden anständigen
Steuerbürger und Steuerstaat auf der Hand liegt? Aber diesen Fragen
nachzugehen, würde in den Augen von attac wohl nur den Schwung
der Kampagne hemmen...
Das würde nicht schaden, die Kampagne ist nicht so gut.
Wovon die „Kampagne Stopp
Steuerflucht!“ nichts wissen will
Die Kampagne will erst gar nicht wissen,
was Armut, Elend und Verschuldung der Dritten Welt entstehen
lässt. Sie wirbt allein für nachträgliche Reparatur:
Denn erst, wenn das Elend in der Welt ist, soll mit Steuergeldern geholfen
werden. Aber müssen Armut und Elend denn überhaupt entstehen?
Kann man nicht daran etwas ändern? Was ist das denn für
eine Hilfe, wenn unter ihr Armut und Elend immer bleiben bzw.
immer wieder entstehen? Das aber hat die attac-Kampagne im Auge, die
den Staat und sein auf Dauer gestelltes Steuerwesen als eine Art Dauerhilfsorganisation
sehen will, also das dauerhafte Vorhandensein von Not unterstellt.
Dass Armut und Elend in ihrer eigenen politischen Perspektive nie verschwinden,
stört die Vordenker der Kampagne „Stopp Steuerflucht“
offenbar nicht, sondern nährt ihr Selbstbewusstsein, Unentbehrliches
und Gutes zu tun. Die Kampagne wirbt, Hilfe sei möglich! –
Mittel, nämlich Steuern, seien da. Damit wirbt sie für die
Instanzen, die nach ihrer Sicht diese Möglichkeit verbürgen:
der Steuerstaat und – zumindest unter dessen Regie – der
kapitalistische Reichtum mit seiner Produktionsweise.
Dieses Zutrauen haben die nicht verdient. Ginge man in der Absicht,
Armut und Elend erst gar nicht zustande kommen zu lassen, der Frage
nach, was und wer sie hervorbringen, würde man auf Steuerstaat
und kapitalistischen Reichtum als Produzenten von Armut und
Elend stoßen – und nicht als Nothelfer:
Erstens ist noch jedem bekannt, dass der Steuerstaat
nimmt und nicht gibt. Er selbst anerkennt sogar, dass er Bürger
ärmer macht und bremst seinen Zugriff auf ein von ihm definiertes
Existenzminimum. Davon müssen die Geschonten dann leben, und der
Staat spart Sozialhilfe. Der Steuerstaat – ein Nothelfer?
Zweitens behandelt der Staat seine Bürger als
Gleiche und langt bei allen zu. Das richtet aber gar nicht bei allen
das Gleiche an und das soll es auch gar nicht. Unselbständig Beschäftigten
besteuert der Staat ihre Einkommen, die staatliche und private
Arbeitgeber ohnehin knapp bemessen, macht sie also noch ärmer.
Bei Vermögenden und beim privaten Kapital greift die Steuer auf
die periodischen Reichtumszuwächse aus Zinsen und Gewinnen
zu. Und bei deren Schmälerung hält sich der Staat zurück.
Dennoch ist es nicht so, wie attac mit Blick auf die bekannt ungleichen
Anteile der Steuerquellen am Steueraufkommen schreibt: „Es(!)
kommt(!) zu einer Umverteilung der Steuerlast von Kapital auf Arbeit
und damit von mobilen auf immobile Steuerbasen.“ (Kampagne,
9f) Da „kommt“ nichts, das ist die Tat des Steuerstaates.
Und der begeht dabei keinen Irrtum oder vergeht sich gar an seinen eigenen
Zielsetzungen. Ganz eigennützig berechnender Steuerstaat, schont
er das private Kapital und seine Gewinne und Zinsen beim Steuerabzug,
damit es wächst und er sich um so besser an diesem Wachstum beteiligen
kann. Sich selbst hilft der Steuerstaat schon.
Damit nicht genug. Nicht nur beim Steuereintreiben, erst recht beim
Verwenden der Steuern stößt man auf den Staat als
Produzenten von Armut und Elend:
Drittens nämlich steckt er viel Geld in die Errichtung
einer Rechtsordnung und deren Durchsetzung durch Justiz und Polizei,
die dem privaten Eigentum die Macht über alles Produzieren von
Reichtum erteilt. Das ist das „Kapital“, das attac zum zweiten
Nothelfer erklärt – jedenfalls unter steuerstaatlicher Aufsicht.
Dieses Kapital tut, was es nach Willen des Staates auch tun soll. Es
betreibt sein Wachstum, indem es die Lohneinkommen als Kosten behandelt.
Es senkt die Lohnkosten bei optimierter Arbeitsleistung und entlastet
sich schon gleich von Sozialabgaben für entlassene Arbeitslose,
Kranke und Rentner. Das produziert arme Beschäftigte und
noch ärmere Unbeschäftigte. Das bringt Steuern – und
zwar genau in dem Maße, wie diese rücksichtslose Gewinnproduktion
erfolgreich ist.
Viertens verwendet der Staat Steuern nicht nur zur
Garantie des Kapitaleigentums, sondern auch zur Förderung
des Kapitalwachstums. Damit produziert er Armut und Elend,
und zwar sehr zielstrebig. Ein Beispiel: Kostspielige steuerfinanzierte
Hartz- Reformen der Arbeitslosenverwaltung wollen diese zum
Anbieter eines Niedriglohnsektors für die Unternehmen machen.
Fünftens: Auch das Elend in der Dritten Welt ist
produziert und nicht einfach da. Erst müssen sich da internationale
Konzerne Landstriche für ihre Rohstoffförderung und Plantagen
aneignen, damit dann landlos gewordene Massen ihrem Elend nachgehen.
Die Industrie-Staaten betreiben diese „Integration in
die Weltwirtschaft“. Womit? Erneut mit viel (Steuer-)Geld und
durch passive politische Einflussnahme. Diese Entwicklung schützen
und unterstützen auch Entwicklungs-Staaten, die am Kapitalwachstum
der Steuereinkommen partizipieren wollen. Auch das würde ein objektiver
Blick auf die Quellen von Armut und Elend klären: Die Entwicklungs-Staaten
stehen nicht auf einer Stufe mit den menschlichen Elendsopfern in ihnen.
Die Dritte-Welt- Staaten sind Mittäter, auch wenn ihnen
ihre Weltmarktteilnahme weniger Staatseinnahmen als Schulden einbringt.
Warum also kriegt „die Welt“ den Reichtum nicht, der angeblich
für sie da ist? Weil die Steuern dem Staat und nicht „der
Welt“ gehören. Und nicht nur das. Weil der gesamte Reichtum
der weltweiten Marktwirtschaft den privaten Kapitaleignern gehört
und das zu garantieren eine der höchsten Zielsetzungen der Staatsgewalten
ist. Auf die orientiert attac gute Menschen. Das soll eine gute Adresse
für Nothilfe sein. Um das mal für die Optik der Nicht-Regierungs-Steuerfahnder
zusammenzufassen: Gezahlte Steuer richtet in der Hand des Steuerstaates
mindestens so viel Armut und Elend an wie die Steuerflucht
in „Steueroasen“, aus denen heraus das Kapital dann weltweit
auch nur seine immer gleiche „Verantwortung“ für seine
Gewinne wahrnimmt. Sonst wäre die „Flucht“ ja fast
eine Erlösung.
Wem ist geholfen, wenn man dem
Steuerstaat helfen will?
Das ist ja fast schon eine rhetorische
Frage: Dem Steuerstaat natürlich.
Aber die globalen Freunde von „Stopp Steuerflucht“ behaupten
ja, dass über den Steuerstaat das Geld dann bei den Armen und Elenden
lande. Fragt sich nur: Warum sollen die nur etwas aus dem Steueranteil
kriegen? Wieso nicht gleich soviel vom Reichtum, dass ihre Not wirklich
abgewendet ist? Warum sollen die nicht direkt das Geld kriegen bzw.
nehmen? Warum die Freunde von „Stopp Steuerflucht“ überhaupt
diesen Weg über den Staat gehen wollen, begründen sie nie.
Man kann aber auch begründet Zweifel haben, dass es ihnen überhaupt
auf einen solchen Um-Weg über den Steuerstaat hin zu den Armen
und Elenden als Endziel ankommt. Manche ihrer Diagnosen, wo die beklagenswerten
Nöte durch Steuerflucht eigentlich angesiedelt seien und wer folglich
Hilfe verdiene, weisen auf ein ganz anderes Endziel und einen ziemlich
direkten kürzeren Weg:
„Es(!) kommt(!) zu einer Umverteilung der Steuerlast von Kapital
auf Arbeit und damit von mobilen auf immobile Steuerbasen...Das verteuert
die Arbeit und macht es noch schwerer, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.“
(Kampagne, 9f.)
Wessen Sorgen nimmt man sich da an?
Wem, bitte schön, ist Arbeit zu „teuer“? Den Beschäftigten,
die die Arbeit machen, nicht sie bezahlen ? Den Arbeitslosen,
die bestimmt nicht Arbeit einkaufen wollen? Nein, den Kapitalisten,
denen ist Arbeit immer zu teuer. Und dem Staat, der Kapitalisten Billiglöhne
anbieten will, damit sie bei ihm und auch für ihn Wachstum machen.
Wer, bitte schön, stört sich an „der“ Arbeitslosigkeit
und bekämpft „teure“ Arbeitskosten? Wieder nicht die
Arbeitslosen, die in diesem System allenfalls an der Ablösung
ihrer Arbeitslosigkeit durch eine möglichst gut, also teuer
bezahlte Beschäftigung interessiert sein müssen. Nein, wieder
ist der Staat Sorgeobjekt und Endbegünstigter der alternativer
Steuereintreiber von der attac-Kampagne. Und gerade nicht die Armen
und Elenden. Die kommen schon vor in dieser Diagnose, aber nicht mit
den Sorgen, die sie haben, sondern mit den Sorgen, die sie
ihren Herren machen.
Wem ist also geholfen, wenn man dem Steuerstaat helfen will? Dem Staat,
der mit Steuern seine Probleme mit den Armen erledigt.
Der kleine Unterschied zwischen
gut meinenden und den wirklichen Steuereintreibern
Die Einmischung in die Arbeit der Finanzämter
ist eine Witznummer und bringt keinen Cent in irgendeine Staatskasse.
Die Kampagne macht sich den Steuerstaat nicht einmal zum Freund. Der
hat nämlich seine Gründe, seine kapitalkräftigen Steuerquellen
zu pflegen und seiner Wirtschaft auch grenzüberschreitend freien
Kapitalverkehr zu genehmigen. Ja, er fördert diesen z.B. in die
Dritte Welt hinein und hat auch seine eigenen Berechnungen, wenn er
„Steueroasen“ mal respektiert und mal weniger schätzt.
Grundsätzlich mag er keine Einmischung in seine Steuerhoheit und
in die Freiheit seiner Wirtschaft & Lieblingsbürger.
Eine Leistung ist der Kampagne allerdings nicht abzusprechen:
Auf jeden Fall trägt sie dazu bei, dass der gute Ruf vom Vater
Staat im Volk gepflegt wird. Und das ist gar keine Witznummer.
Veröffentlichung mit freundlicher
Genehmigung: V.i.S.d.P.: B. Schumacher, GegenStandpunkt Verlag, Türkenstraße
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