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„Es ist genug für
alle da!“, verkündet attac. „Noch nie gab es so viel Überfluss in unserer Gesellschaft wie heute. Noch nie gab es weltweit so viel Reichtum wie heute. Kein Mensch müsste hungern, niemand an behandelbaren Krankheiten sterben – es gibt genug für alle!“ (attac-Aufruf vom 19.12.03) 1.Regelmäßig beglückt attac die Menschheit mit solchen Parolen, die Mut machen und Hoffnung verbreiten sollen. Auf den ersten Blick erscheinen sie einleuchtend – einerseits wenigstens: Irgendwie mangelt es wirklich nicht an Reichtum. Anderseits belegt diese seit mehr als einem Jahrhundert regelmäßig wiederholte Verheißung, – attac hatte da schon so einige Vorläufer –, immer nur eines: Vom Hunger gänzlich unbeeindruckt wächst der „Überfluss“ weiter, und ungerührt von dem gewaltigen medizinischen Fortschritt raffen „behandelbare Krankheiten“ weiterhin Menschen massenhaft dahin. Da blamiert sich so eine Verheißung schnell: Wenn es Armut, Hunger, Seuchen und andere Formen des Elends erstens weltweit und zweitens nicht erst seit gestern und drittens trotz Sozialstaatsausbau, Entwicklungshilfe, Caritas und Aids-Aid weiterhin in ziemlichen Zuwachsraten gibt, dann scheint es entweder „der Welt“ an den guten Absichten, an die attac appelliert, ziemlich zu mangeln, oder es handelt sich um eine Weltordnung, in der Reichtum Weniger mit dem Elend Vieler eine gar nicht so einfach aufzuhebende Liaison eingegangen sind. Grund genug, der Frage genauer nachzugehen, warum denn der „weltweite Reichtum“ die Hungersnöte nicht behebt; warum er attac einfach nicht den Gefallen tut, sich über die Armen und Elenden zu ergießen. 2. Zunächst einmal: Das Deuten auf Überfluss und massenhaften Reichtum trifft schon was. Da gibt es die Agrarprodukte, die vergammeln, oder ins Meer gekippt werden, wenn sie keine Käufer finden; da gibt es die Milch-, Butter- und Rindfleischberge, die die EU auftürmt, weil sie verhindern will, dass ihre Bauern an ihrem Überfluss zugrunde gehen; da gibt es Warenlager, die aus allen Nähten platzen, weil es mal wieder an der Kaufkraft fehlt. Zu tun hat dies ziemlich viel mit einer anderen Sorte von Reichtum: Die Mittel der Produktion haben einen Produktivitätsstand in der industriellen Fertigung erreicht, der es erlaubt, mit immer weniger Arbeitseinsatz in immer kürzerer Zeit gewaltige Gütermengen herzustellen; haben alte Naturabhängigkeiten durch Erfindung „künstlicher“ Rohstoffe und Materialien überwunden und dafür gesorgt, dass die Produktion von Nahrungsmitteln nicht mehr an regionalem Wassermangel und schlechtem Boden scheitern muss. Usw. 3.
Gänzlich an der Sache vorbei geht diese Aufzählung,
wenn sie sich an den Möglichkeiten berauscht, die im Reichtum
an Nahrungs- und Produktionsmitteln stecken, ohne dabei zur Kenntnis
zu nehmen, dass sich solch Überfluss kapitalistisch gerade
umgekehrt, nämlich als Mangel buchstabiert: als Mangel
an Zahlungskraft, sprich an Geld bei den Käufern, damit
die all die schönen Sachen ihrem, in dieser Produktionsweise einzigen
Zweck zuführen können, sie nämlich zu Geld zu machen.
Deswegen fällt den Geschäftsleuten an Hungersnöten auch
nicht der Mangel der Menschen an Nahrungsmitteln,
sondern allein ihr Mangel an Barem auf! Hätten die Leute
das nötige Kleingeld, müssten sie nicht hungern. Der Unternehmer
würde sie sofort satt machen, wenn sie ihm seine Trockenmilch und
Reissäcke abkaufen würden, und zwar zu exakt dem Preis,
mit dem er seinen Gewinn macht. Wenn nicht, gibt’s eben
nichts zu Spachteln. Verschenkt wird nichts – wo käme der
Kapitalismus denn da hin! 4. Das gilt auch für das Geld selbst. Der Überfluss an Geld ist gleichfalls mit Händen zu greifen: In allen „guten Sparkassen und Banken“ ist er zu besichtigen, ebenso wie bei Anlageberatern, die ihrer Klientel sagen, wie sie aus ihren Geldüberschüssen noch mehr machen können. An den Börsen wird er über den Globus hin und her geschoben, vermehrt sich scheinbar aus dem Nichts heraus ungeheuer, bringt den Geldbesitzern und Spekulanten ihre Gewinne, gelegentlich aber auch harte Verluste, die dann in der Regel den nächsten Börsenboom mit neuen „Gewinnerwartungen“ einleiten. Auch bei diesem Überfluss handelt es sich nicht um einen großen Haufen Geld, der nur darauf wartet, von Gerechtigkeitsaposteln gerecht unter arme Menschen verteilt zu werden, die sich dann mit dem Geld alles kaufen, was satt, warm, und gesund macht. Das ist nichts als die alberne Micky-Maus-Perspektive: Dem Onkel Dagobert, der auf seinem Goldhaufen sitzt, keinen roten Heller freiwillig herausrückt, muss man die Dukaten nur unter dem Allerwertesten wegstehlen und an alle Bedürftigen verteilen. Genauso wenig wie die hübschen Waren, die in den Schaufenstern zu besichtigen sind, ihren Zweck im Verknuspern haben, erfüllt sich im Kapitalismus die Bestimmung des Geldes darin, mit ihm Turnschuhe, Semmeln oder Aspirin zu kaufen, die irgendwelche Konsumwünsche erfüllen. Mit dem Semmelverkauf soll Geld locker gemacht werden, das sich dann in Unternehmerhand als Kapital bewährt. Nichts sonst! Da geht es dem Geld wie den Waren: Allein für Geldvermehrung ist es da! Stellt sich die nicht ein, taugt auch das Geld nichts, und es findet „Entwertung“ statt. Unternehmen machen „Miese“, setzen Leute massenhaft auf die Straße, die sich dann mit ihren restlichen Kröten die Zimmer tapezieren können. 5. Genau das macht den Kapitalismus aus: Es taugt für den Unternehmer die neueste und produktivste Maschine nichts, wenn sich die daran produzierten Güter nicht als Waren auf dem Weltmarkt bewähren, d.h. ihm Geldreichtum einbringen. Fabrikbesitzer, die keine Geschäfte mehr machen, schließen ihre Fabriken, lassen ihren Maschinenpark eher verrotten, als dass sie eine Produktion zulassen würden, die sich dem schlichten Zweck der Herstellung von Gütern für die Bedürfnisbefriedigung verschreibt. Lieber lassen sie dann die Waren, die nicht zur Geldvermehrung taugen, in ihren Lagern verfaulen oder verstauben, als dass sie ihrem kostenlosen Konsum zustimmen würden. Beim Geld, diesem original kapitalistischen Produkt, ist solche Vorstellung ohnehin absurd: Lässt es sich nicht vermehren, dann taugt es nicht einmal zur Verteilung an Arme. Dann hat es seine Rolle als Wert ausgespielt. Deswegen ist auch der Umverteilungsgedanke so albern: Jede Geldumverteilung wäre sofortige Entwertung, Zerstörung derjenigen Qualität des Geldes, für die es gerade unter die hungrigen Massen gebracht werden soll – nämlich als Kaufmittel zu taugen. 6. Den kapitalistischen Reichtum gibt’s also überhaupt nur in der „Verteilung“, die da von attac angeprangert wird. Dieser Reichtum braucht dauerhaft Arme, die ihn herstellen, und er produziert permanent Arme, die als absolut überflüssige Arbeitskräfte unbrauchbar und als Hungrige nicht von Bedeutung sind. Also ist die Parole vom „Reichtum, der genug für alle enthält“ so plausibel denn doch nicht. Im Kapitalismus gehören Armut und Überfluss genau so zusammen. Das ist gerade der Skandal. Wer also den Kapitalismus als eine Produktionsweise mit ungerechter Verteilung kritisiert, die nur auf attac mit ihren moralisch hochwertigen Absichten und konstruktiven Vorschlägen gewartet hat, der will auch nichts davon wissen, dass jedes Umverteilungsanliegen ernst genommen einen Angriff auf die Grundfesten des Kapitalismus darstellt. 7. Dieses Anliegen bekäme es sofort mit eben jener Einrichtung zu tun, an die attac in gnadenlosem Vertrauen all seine Forderungen stellt und auf die es seine Hoffnungen richtet. Diese Ökonomie kann nämlich zusätzlich immer auf die guten Dienste der Politik rechnen, hat also die Staatsgewalt hinter, neben, unter und vor sich. Das ist im übrigen auch jedermann bekannt. Wer mal der Verlockung des bargeldlosen „Einkaufs“ nicht widerstanden hat, bekommt schnell unerfreulichen Kontakt mit einer der zahllosen Vorkehrungen zum Schutz des Privateigentums. Diese staatlichen oder mit staatlichem Segen versehenen Vorkehrungen machen aus dem Akt der „spontanen“ Bedürfnisbefriedigung in der Lebensmittelabteilung des Kaufhauses ein Verbrechen und aus dem Hungrigen einen Kriminellen. Vornehm sieht attac in ihren Sonntagspredigten vom Reichtum, der für alle reicht, davon ab, dass die Herrschaft des Privateigentums gerade nicht von gierigen und ungerechten Privateigentümern abgesichert wird, sondern die erste Aufgabe der Staatgewalt ist. 8. Bekannt mögen diese Feststellungen ja sein, langweilig sind sie dennoch nicht. Schon gar nicht für diejenigen, die sich vorgenommen haben, mit ihren Einwänden gegen Armut und Reichtum im Kapitalismus ernst zu machen. Als Gegner des Sozialkahlschlags muss man sich entscheiden: Entweder hat man etwas dagegen, dass staatlich geschütztes Kapitaleigentum weltweit allen Menschen ohne Knete den Zugang zum Reichtum versperrt, oder man ist zufrieden damit, zu jener Riege guter Menschen mit dem attac-Weltbild zu gehören, demzufolge alles nicht so sein müsste, wie es ist. Dann richtet man sich eben genügsam in der Empörung darüber ein, dass die Welt nicht so läuft, wie man sie sich zusammenträumt; dann hält man immer wieder leicht beleidigt der Staats- und Geldmacht vor, dass sie einfach nicht dem Bilde entsprechen, das sich attac nebst Anhang von ihr macht; und dann weiß man sich schließlich durch die Erfindung eines ganz besonderen Menschenrechts vollständig ins Recht gesetzt: Es gibt, – teilte attac jüngst mit, – „ein Menschenrecht auf Teilhabe am Reichtum, das sich niemand (erst) verdienen muss“, weil der Mensch angeblich irgendwie von Natur aus damit ausgestattet sei. Das stimmt die attac-Gemeinde schlussendlich sehr zuversichtlich: Die Armen haben das Recht auf volle Teller!!! – nur dummerweise haben sie nichts drauf. Und die Reichen schwimmen im Überfluss, – dies aber ganz zu unrecht. So ist das eben mit solch einem erfundenen Recht: Es macht nicht satt, sondern blamiert nur immer weder aufs Neue die Reichen moralisch ungeheuer. Die können damit gut leben, haben sie doch die Gewissheit, dass die Staatsgewalt das kapitalistische Eigentum und sein Geschäftsinteresse ganz praktisch ins Recht setzt.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung: V.i.S.d.P.: B. Schumacher, GegenStandpunkt Verlag, Türkenstraße 57, 80799 München, www.gegenstandpunkt.com
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Armut
und Reichtum 1
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