I.( Zu 3) Globalisierung als Ideologie
Dass der Gehalt dieses Schlagworts in der Regel Ideologie ist, also
gar nicht zur Erklärung, sondern allein zur Rechtfertigung von
Politik taugt, ist leicht zu ermitteln. Der Gehalt der Phrase - sie
lautet zusammengenommen: "Wir, die Macher des Staates, sind genötigt,
einer neuen Lage auf dem globalen Weltmarkt, dem verschärften Wettbewerb,
Rechnung zu tragen." - unterstellt staatl. Ohnmacht, unterstellt
die Existenz von Kräften, denen sich der Staat angeblich gegen
seinen Willen beugen muß. Diese Vorstellung - die übrigens
Teile der Linken für bare Münze nimmt und daraus eine linke
Politik begründet, die den dem. Nationalstaaten aus den Klauen
der transnationalen Kapitale retten soll, die von anderen Teilen der
Linken albernerweise als Beleg für den Untergang von Kapitalismus
und Nationalstaaten gedeutet wird - diese Vorstellung blamiert sich
allerdings daran, dass sie vorgetragen wird von Inhabern politischer
Macht, die immerhin in der 1.Liga der imperialistischen. Staaten spielen
und sich deshalb so leicht nicht nötigen lassen und auch nicht
nötigen lassen müssen. Es sei denn von Ihresgleichen. Also
von anderen Staaten, die dann schon ein ähnliches Kaliber darstellen
müssen wie sie es sind; weswegen es solche Art von Nötigung
- in der Regel - nur gibt, wenn ein Nationalstaat gerade seine Souveränität
eingebüßt, seine Macht im Krieg etwa verloren hat.
Wenn nun aber mitten im tiefsten Frieden ein veritable Staatsgewalt,
und um solche handelt es sich bekanntlich bei Deutschland, davon redet,
dass sie zu etwas genötigt wird, dass sie aus einer Abhängigkeit
heraus handeln, einem Sachzwang folgen muß, dann ist der Schluß
also ziemlich unabweislich, dass es sich nur um einen Sachzwang handeln,
dessen Maßstab von dieser Staatsgewalt aus nationalen Erwägungen
heraus akzeptiert wird. Dass es sich dabei um einen Zwang infolge von
Umständen handelt, dem der Staat folgt, deren Ratio aber mit seinen
politischen Absichten zusammenfällt. Wenn sie etwa sagen: Wir müssen
in der Standortkonkurrenz mithalten, müssen auf unserem Standort
IT-Kompetenz versammeln, um im globalen Wettbewerb nicht ins Hintertreffen
zu geraten; dann heißt das im Klartext: Wir, womit der kapitalistische
deutsche Nationalstaat gemeint ist, wir wollen in der weltweiten Konkurrenz
erfolgreich mitspielen, das ist unser Anliegen; und weil dies unser
Anliegen ist, deswegen haben wir uns auch den ökonomischen Regeln
der Konkurrenz zu unterwerfen, d.h. müssen wir alles tun, um Konkurrenten
auszustechen, das gebietet unser Anliegen, weltweit ökon. führend
zu sein. So verhalten sich wollen und müssen zueinander: Der Ausgangspunkt
ist ein politisches (politisch-ökonomisches) Interesse des Staates,
der sich zum weltweit siegreichen Kapitalismus bekennt, der die Regeln
der ökonomischen Konkurrenz akzeptiert und sich ihnen deswegen
unterwirft. (Also z.B. nicht ausschert und etwa sagt: Macht Euren Kapitalismus
allein, mit den dabei anfallenden Opfern daheim und auswärts will
ich nichts zu schaffen haben (Sozialismus/Kommunismus); oder umgekehrt
ausschert und sagt: Ökonomische Konkurrenz ist mir im Ausgang eine
viel zu unsichere Sache. Ich verlasse mich nur auf die mir als Nationalstaat
zu Gebote stehende unmittelbare Gewalt und setze die militärische
Eroberung von Land und Reichtum an die Stelle der ökonomischen
Konkurrenz. (Faschismus))
Also: Von einer gegen den politischen Willen dieser führenden Nationalstaaten
erzwungenen Politik kann nicht die Rede sein. Bekanntlich gehen imperialistische
Staatsgewalten auch mit Anforderungen, die ihnen gegen ihren Willen
aufgemacht werden, ziemlich anders um. Dann fühlen sie sich als
Macht herausgefordert, so einen Zwang zu brechen - mit welchen Mitteln
auch immer. Und Betriebe - wie groß sie auch immer sein mögen
- können erst recht diese führenden kapitalistischen Nationalstaaten
(ich rede nicht von kleinen) zu nichts zwingen, was ihrer Staatsraison
widerspricht: Ökon. Macht von Betrieben, existierend in Geld- und
Sachlichem Kapital ist der politischen Macht der Gewaltmaschinen dieser
Nationalstaaten allemal unterlegen. Es sind eben die Multis hierzulande
nicht mit Polizei und Militär zum Schutz ihres Privateigentums
ausgerüstet. Das überlassen sie gerade den kapitalistischen
Nationalstaaten. Wenn Multis Druck ausüben auf kapitalistische
Nationalstaaten - und das gibt es natürlich -, dann handelt es
sich immer darum, dem kapitalistischen Nationalstaat. eine Kalkulation
aufzumachen; etwa der folgenden Art: "Da Du doch selbst ein eigenes
Interesse an meinem Erfolg als kap. Unternehmen hast - Du willst Wachstum,
Arbeitsplätze, Steuereinnahmen auf Deinem Territorium und brauchst
dafür den Erfolg kap. Unternehmungen - , deswegen mußt Du
mir auf Deinem Territorium Bedingungen verschaffen, die meine Geschäfte
befördern." Es sind sich eben beide - Staat und Multi - ganz
prinzipiell darin einig, daß es um kapitalistischen Reichtum zu
gehen hat. Zwang gegen den Willen des Nationalstaats wäre das nur,
wenn der sich gerade zur Abschaffung der kap. Produktionsweise und zur
Einführung kommunistischer Planwirtschaft entschlossen hätte.
Dann aber würde so ein Druck ziemlich verpuffen, weil längst
eine andere Frage auf der Tagesordnung stünde: Enteignung!
Soweit die kurze Erledigung des zentralen ideologischen Gehalts der
Ohnmachts- und Sachzwangsbehauptung.
II. (Zu 2.) Was ist der Globalisierungsdebatte über das
nationale Programm der Regierung zu entnehmen?
1. Entschuldigung
Besonders seit der Schröder-Eichel-Initiative zur Neudefinition
von Sozialer Gerechtigkeit - sozial gerecht ist alles, was den Staatshaushalt
in Ordnung bringt - ist die entschuldigende Redeweise, der Sozialstaat
müsse leider wegen der Globalisierung sein Sozialsystem tiefgreifend
umkrempeln, überall sparen, Konsumsteuern erhöhen, Lohnnebenkosten
absenken und könne überdies wegen derselben weltweiten und
verschärften Konkurrenz nicht garantieren, dass in absehbarer Zeit
die Arbeitslosigkeit spürbar gesenkt wird usw., ein wenig aus der
Mode gekommen. Dennoch gehört sie noch zum Arsenal von Sozialpolitikern
dazu. Man hört sie, etwa wenn Riester vor Gewerkschaftern spricht
und für Zustimmung zu seiner Politik wirbt oder wenn die "Traditionalisten"
der SPD an der "Basis" für Schröder trommeln. Dann
hört man schon noch das Gejammer, dass man nie zu dem kommt, was
man eigentlich an Arbeiterfreundlichem geplant hat.
Auch hier fällt die Widerlegung knapp aus. Denn offensichtlich
ist die Tour, der Sozialstaat könne leider nicht so, wie er wolle,
schon als Entschuldigung ziemlich blöd: Wie soll auch das Bekenntnis
zur eigenen Ohnmacht für Vertrauen in die Politik sorgen? Nach
dem Motto: Vertraut uns, wählt uns, obwohl wir leider so ohnmächtig
sind, das wir für Euch gar nichts tun können. Dass dies von
Politikern und Parteien kommt, die obendrein vom Volk zur Führung
der politischen Geschäfte ermächtigt worden sind, die sich
also an der Macht befinden, sie quer durch alle Gewalten ausüben
und dabei nichts anbrennen lassen, macht diese Entschuldigungstour unglaubwürdig;
ebenso unglaubwürdig wie der Umstand, dass noch keiner dieser Politiker
jemals den Bettel hingeworfen hat. Das wäre doch die leichteste
Übung für diese Herrschaften, die den Minister-Job immerhin
freiwillig übernehmen, zu verkünden: Wenn ich unter den Bedingungen
der Globalisierung ohnehin meine Ziele nie erreichen kann, immer an
Sachzwängen scheitere, dann laß ich es doch sein, dann gebe
ich den Job auf! Nichts davon. Im Gegenteil: Sie erlassen ihre Gesetze
und setzen sie gegen alle möglichen Widerstände - der Gewerkschaften,
des Handwerks, der Alleinerziehenden, des Mittelstands... - durch und
verkünden anschließend dem Volk, sie hätten eigentlich
etwas ganz anderes beschließen wollen.
Dass diese Entschuldigungstour immer noch gelegentlich zur Anwendung
und ankommt, liegt also nicht an ihrer Überzeugungskraft, sondern
am komplementären Verhältnis des Politikerinteresses und einem
Bedürfnis bei den Leuten. Auf jeden Fall möchten die nämlich
hören, dass die Politiker es sich nicht leicht machen, dass sie
es sogar auch schwer haben, dass auch sie nicht machen können,
was sie wollen. Offenbar muß man den Wählern also nur irgendeine
Erklärung hinwerfen, die eine staatspolitische Notwendigkeit für
das rücksichtslose Zurückfahren ihres Lebensstandards vorstellig
macht, und schon sind sie mit ihrer politischen Führung wieder
etwas versöhnt.
2. Herausforderung
Dass einer der führenden imperialistischen Staaten etwas beschließt,
was nicht sein Programm wäre, kann man also getrost vergessen.
Inzwischen hat das Globalisierungs-Schlagwort denn auch einen anderen
Schlag bekommen. Und der läßt diese Legitimationslüge
weit hinter sich. Wenn ein Gerhard Schröder, ein Tony Blair usw.
- sogar ihre gesamte - Politik unter dem Schlagwort "Globalisierung"
abhandeln, dann reden sie von einer "Herausforderung", die
die "verschärfte Lage auf dem Weltmarkt " für sie
darstelle. "Wir", sagt Schröder und meint damit immer
nicht etwa sein Kabinett oder seine Partei, sondern immer gleich die
ganze Nation, also jeden von uns gleich mit, "wir müssen uns
der Hausforderung, die die Globalisierung darstellt, gewachsen zeigen
und sie bewältigen."
Damit gibt es den "Sachzwang der Lage" neu. Jetzt taugt er
nicht mehr zur Entschuldigung dafür, dass man als Kanzler etwas
tun muß, was man gar nicht will; sondern jetzt dient er zur Begründung
einer nationalen Herausforderung, um die man zwar auch nicht herumkommt,
um die man aber auch gar nicht herumkommen will. Den Druck der "globalisierten
Lage auf dem Weltmarkt" bedauern diese Herren nicht, sondern begrüßen
ihn, deklarieren ihn zu einer heilsamen Herausforderung. Wer von der
Globalisierung als einer "Herausforderung" oder gar von einer
"Chance" spricht, der gibt zu verstehen, dass er den behaupteten
Zwang nicht für eine Gefahr erachtet, sondern ihm einen Auftrag
für die deutsche Nation und ihre politische Führung entnimmt,
dem er aus politischer Überzeugung und mit allen Kräften,
über die er die Macht hat, nachzukommen gedenkt.
Damit haben wir es mit einem politischen Bekenntnis zu tun, das schon
ziemlich dicht dran ist an einer reinen Willenserklärung, an einer
unvermittelten politischen Interessenbekundung. Dennoch verbleibt eine
Differenz zwischen einer Programmatik, in der klipp und klapp gesagt
wird, dies machen wir, weil wir es wollen, und der Vorstellung des Programms
als Antwort auf eine Herausforderung. Diese Differenz soll nicht unterschlagen
werden, denn es kommt den Herren Politikern auf sie an: Der politische
Wille bekommt nämlich mit dem Globalisierungs-Verweis eine zusätzliche
Qualität dadurch, dass seine Übereinstimmung mit einer angeblich
objektiven Lage betont wird, die sich getrennt vom eigenen politischen
Tun eingestellt und die man nun vorgefunden habe. Mit diesem Verweis
auf die Globalisierung als Herausforderung wird der eigene Wille sozusagen
objektiv beglaubigt, und es wird dadurch zur Notwendigkeit erklärt,
was der Kanzler und sein Verein ohnehin wollen und in und mit Deutschland
vorhaben. Diese Übereinstimmung eines politischen Willens - diesmal
nicht mit dem Schicksal oder Vorsehung, sondern - mit der "Lage,
die durch die Globalisierung entstanden ist", soll der Politik
ihre Unwidersprechlichkeit bescheinigen. Wer jetzt noch anderes will,
versündigt sich dann - so lautet die immanente und gar nicht freundliche
Botschaft - gegen die objektiven Notwendigkeiten und damit gegen das,
was für Deutschland gut ist, was allein Deutschland voran bringen
kann, nämlich die Herausforderung erfolgreich zu bestehen.
Damit agitieren diese Meister inzwischen landauf und landab und deswegen
hat der Schröder auch mit Amtsantritt die alte sozialdemokratische
Abteilung der Sachzwangideologie aus dem Verkehr gezogen. Weil Schröder
davon ausgeht, dass diese Politik den Leuten Opfern abverlangt, die
ohne ein gehöriges Maß an Treue zu Deutschland nicht freiwillig
geschluckt werden, für die er sich also ein Volk von Nationalisten
wünscht, die positiv hinter seinem Deutschland-Programm stehen,
deswegen hat er die alten Sozi-Kamellen aus dem Verkehr gezogen, denen
zufolge die SPD für die kleinen Leute da ist, nur leider - heuten
eben wegen der Globalisierung - nie so kann wie sie will. Die alte Sozi-Heuchelei
ist durch ein Bekenntnis zum "Sachzwang Globalisierung" abgelöst.
Und dies Bekenntnis nimmt ausschließlich Maß an 'Nation'.
Schröder ist nicht - wie er selbst sagt - für partikulare
Interessen in der Nation da - etwa für die "kleinen Leute"
- , sondern er ist zum Kanzler der Nation gewählt und will der
Nation, dem Allgemeinwohl dienen. Dahinter haben alle Gegensätze
zurückzustehen. Es ist dies die Aufforderung zum nationalen Schulterschluß,
den das Volk mit dem Staat und seiner Politik vollziehen soll: Alle
geschlossen hinter des Kanzlers Politik, Gürtel enger schnallen,
um die Globalisierungs-Herausforderung für Deutschland bestehen.
Das ist nun auch inhaltlich schon eine recht klare politische Aussage.
Und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht: Der "Herausforderung durch
die Globalisierung" ist nämlich nicht etwa die politische
Absicht zu entnehmen, dass sich Deutschland vom Weltmarkt wegen der
dortigen Schwierigkeiten zurückziehen will, sondern ganz umgekehrt,
dass es dort global führend sein will. Das Leitmotiv deutscher
Politik - darin übrigens die vom Kohl fortsetzend - ist angesichts
einer "verschärften Konkurrenzlage auf dem Weltmarkt"
das politische Bekenntnis, an der Weltmarkteroberung als dem nationalen
Erfolgsweg auf jeden Fall und gegen alle - erfundenen und wirklichen
- Schwierigkeiten festzuhalten: Am globalen Wettbewerb halten wir fest,
das ist die Richtschnur unserer nationalen Politik, lautet das Credo.
Und das ist nicht nur ein weiteres Mal ein theoretisches Bekenntnis
zum weltweiten Kapitalismus, sondern eine Auskunft darüber, dass
es Deutschland praktisch schwer darauf ankommt, auch weiterhin auswärtige
Reichtumsquellen für deutsches Wachstum zu erschließen. Es
handelt sich um die Willenserklärung eines deutschen Imperialisten,
dass nachwievor die Internationalisierung der kapitalistischen Geschäftemacherei
- und die spielt sich nun einmal "global", also auf dem Weltmarkt
ab - für Deutschland alternativlos das richtige Rezept für
die Mehrung deutschen Reichtums und die Stärkung deutscher Macht
ist. Und damit ist zugleich das nächste Bekenntnis ausgesprochen.
Denn wenn die Problemlage auf dem Weltmarkt "verschärfte Konkurrenz"
ist, dann besteht die "Herausforderung" in nichts anderem
als darin, diese Konkurrenz als Nationalstaat gegen andere Nationalstaaten,
die sich ihr ebenfalls stellen, unbedingt gewinnen zu wollen.
Als ökonomisches Subjekt der Konkurrenz bestimmt sich damit der
kapitalistische Nationalstaat selber: Er will die Herausforderung bestehen,
er will in der globalen Konkurrenz zu den Gewinnern gehören. Er
will andere konkurrierende kapitalistische Nationalstaaten in ihre Schranken
verweisen. Da ist mehr und anderes angesprochen, als einen Beitrag zum
Geschäftserfolg nationaler Kapitale zu leisten (VW, Siemens, DB...).
Der politische Gehalt dieser zeitgemäßen Globalisierungsideologie
besteht also in einem wuchtigen Bekenntnis Deutschlands zur ökonomischen
Form der imperialistischen Konkurrenz, formuliert nichts anderes als
das Interesse, sich in dieser imperialistische Konkurrenz auch unter
erschwerten Bedingungen durchsetzen zu wollen und jeder anderen Sorte
Politik für Deutschland eine vollständige Abfuhr zu erteilen
- was nicht nur an die Adresse von Sozialisten oder Kommunisten, sondern
auch an die Adresse von Faschisten gerichtet ist. [i]
(S. Haider-Abfuhr)
3. Innenpolitik
Dem nationalistischen Gehalt des Bekenntnisses zum internationalen Geldverdienen
läßt sich zugleich die innenpolitische Seite dieses deutschen
Aufbruchsprogramms entnehmen. Wenn nämlich Schröder nur noch
Deutsche kennen will - was seine Polemik gegen die Traditionalisten
in der Partei ist, die es weiterhin mit den "kleinen Deutschen"
halten wollen -, dann kündigt er damit noch einmal an, was ohnehin
seit geraumer Zeit gar nicht zu übersehen ist: Für das Bestehen
der internationalen Herausforderung darf auf niemandem nach Innen Rücksicht
genommen werden. Dass die Gesellschaft solidarisch zusammenzustehen
hat, heißt dann eben nichts anderes, als dass jedermann und jede
Gruppe ihren, politisch festzulegenden Beitrag zu leisten hat. Und zwar
möglichst nicht nörgelnd und mosernd, sondern als Bekenntnis
von unten zu Deutschland. Das wäre dann der "Ruck, der durch
Deutschland" gehen soll - in der "schweren Zeit", in
der wir die "Herausforderung" namens Globalisierung bestehen
wollen. Abgeleitet wird inzwischen aus diesem Auftrag geradezu eine
moderne moralische Pflichtenlehre, die es in sich hat: Bestes Beispiel
ist die Neudefinition von Sozialer Gerechtigkeit. Die heißt, dass
niemand aus der Klasse der Lohnabhängigen beim Schröpfen ausgenommen
werden darf, dass also wenn schon die Alten zur Kasse gebeten werden
auch die Jungen nicht ausgelassen werden dürfen; oder umgekehrt:
wenn schon der Lohn der Jungen auf der Strecke bleibt, dann doch erst
recht die Rente gekürzt werden muß usw. Selbständigkeit
wird groß geschrieben und heißt, selbständiges Aushalten
der Verelendung, ohne gleich nach dem Sozialstaat zu rufen; Kreativität
ist gefordert bei der Anlage der Erwerbsbiographie, was meint, dass
man sich mit längeren Etappen der Alo. ebenso anzufreunden hat
wie mit Gegenleistungen für Sozialhilfe, Einrichtung des Lebens
auf der Grundlage von 630-DM-Jobs usw.; gefragt ist der eigenständige
Abbau der anerzogenen Versorgungsmentalität (s.u.) - wobei der
Staat hier wie auch bei allen anderen Pflichten dem deutschen Bürger
mit Vorgaben zum Gürtel-enger-Schnallen hilfreich zur Seite steht,
die man als "Sparpolitik", "Umbau des Sozialstaats"
oder "Steuerreform" zu Genüge kennt.
4. Wissenschaft
Dieser Darstellung des politischen Programms für Deutschland machen
die soziologischen, politologischen, nationalökonomischen Globalisierungstheoretiker
ihre wissenschaftliche Aufwartung. Ihr Hauptthema besteht in den Variationen
der Arie, dem Staat fehle es an Macht, an dem Vermögen, sich durchzusetzen,
der Staat sei "impotent": "Im Zuge der Globalisierung
ist ein Souveränitätsverlust des Nationalstaats besonders
als Sozial- und Wohlfahrtsstaat festzustellen." (Friedrichs) Diesen
Wissenschaftlern wird man nun kaum mit dem Verweis auf die zweifelsfrei
existierende Staats-Macht kommen können: Dass der Staat über
eine intakte Gesetzgebung verfügt, über ein Zusammenspiel
der drei Gewalten, das wie geschmiert läuft, dass er jeden als
illegal eingestuften Widerstand mit unmittelbarer Staatsgewalt ("Castor-Transporte")
im Keim erstickt und auch nach außen über ziemliche intakte
Druckmittel verfügt usw., all das werden sie gar nicht bestreiten.
Das ist einerseits merkwürdig, da sie zunächst das Gegenteil
behaupten. Andererseits ist es auch wiederum nicht so merkwürdig,
da sich bekanntlich immer noch jede Klage über fehlende Staatsmacht
in den Wunsch nach mehr davon auflöst. So auch hier: Denn wenn
man ihre Traktate weiter liest, stößt man regelmäßig
auf eine ganze Latte von fürchterlich konstruktiven Vorschlägen
für effektiveres Staatshandeln. Ihre Vorschläge zielen auf
konsequentere Zurichtung des Standorts, auf eigenständigere Geldpolitik,
auf Reform des Sozialstaat, auf bessere Durchsetzung in WTO und IWF,
und sie geben auch Tips der folgenden Art: Der Nationalstaat müsse
sich darauf einstellen, dass eine "zunehmende Belastung - wegen
der enger werdenden Verteilungsspielräume - die Solidarität
der Bevölkerungsgruppen verringert".(Friedrichs) Wie man sich
auf solche abnehmende Solidarität einstellen soll, ist keine Frage.
Wenigstens nicht mit einer Reduzierung der Belastung für die betroffenen
"Bevölkerungsgruppen". Was da angeraten wird, ist also
eine umfangreiche Zusammenstellung von lauter Notwendigkeiten für
den Einsatz und den Ausbau der Staatsmacht. Darin münden regelmäßig
alle Theorien über den staatlichen Souveränitätsverlust.
Offensichtlich scheint - für diese Wissenschaftler - die Staatsohnmacht
nicht so groß zu sein, dass sie ihm den Ausbau seiner Gewalt nicht
zutrauen würden. Und das liegt daran, dass ihre Ohnmachtstheorie
gar nicht anders gemeint als die wissenschaftliche Aufforderung zum
Einsatz der Staatsmacht für das globale Programm. Ihr Befund nimmt
nämlich Maß an jenem Staatshandeln, das sie sich für
die Bewältigung des Globaliserungsrisikos vorstellen. Ohnmacht
heißt bei ihnen eben nichts anderes als: die vorhandene Macht
muß kräftig eingesetzt und um neue Machtinstrumente ergänzt
werden.
Deswegen geht es auch noch weiter: In einer Publikation wird z.B. umstandslos
die "Globalisierung nationaler staatlicher Macht" gefordert,
also die Ausdehnung von nationaler Staatsmacht über die Territorialgrenzen
hinaus. Eine Macht wird eingefordert, die es erlaubt, dass sich der
Nationalstaat von niemandem etwas gefallen lassen muß. An anderer
Stelle wird gleich in einundemselben Absatz der Ohnmachtsgedanke mit
seinem glatten Gegenteil, einem imperialistischen Ideal von Staatsgewalt
unmittelbar zusammengeschlossen. Bezeichnenderweise in einer Publikation
über "Umwelt und Globalisierung", in der der Satz nicht
fehlen darf, dass Umwelteinflüsse keine Staatsgrenzen kennen, weswegen
bekanntlich der Umweltgedanke neuerdings zu den bequemsten Begründungen
für grenzüberschreitende Einmischungspolitik gehört (s."Tschernobyl"
etc.): Ausgehend von den "ökologischen Risiken der Globalisierung"
wird die Staatsohnmacht gleich an ihrer "begrenzten nationalstaatlichen
Reichweite" festgemacht, um dann munter aus "den neuen Herausforderungen,
die sich für die nationalen Akteure ergeben," deren "konstruktive
Nutzung, um Einfluß auf globale Entwicklungen zu nehmen",
abzuleiten. (Petschow) Die wissenschaftliche Globalisierungsliteratur
ergeht sich in Staatsgewaltphantasmagorien, die einem - hiesigen - Politiker
vielleicht ins Hirn, nie aber über die Lippen kämen. Ihre
Thesen von der Ohnmacht des Nationalstaates laufen also schön Regelmäßigkeit
auf Aufforderungen zur Entmachtung der Konkurrenz hinaus.
Der Fehler all dieser Theorien liegt - um das kurz nachzutragen - in
der Bestimmung der staatlichen Ohnmacht. Zum Beweis der Ohnmacht des
Nationalstaats führen sie immer - dessen Politik an. Sie halten
sich also nicht mit der Untersuchung der Ausstattung von Politik mit
Macht - nach innen und außen - auf. Sie tragen vielmehr nur Politik
und ihre Resultate zusammen: Den "Abbau des Sozialstaats",
die Steuerbegünstigung des Kapitals, zunehmende Arbeitslosigkeit...;
aber auch: sinkende Exportziffern und Wachstumszahlen, den Wertlust
des Euro usw. Sie führen also zum Beweis für die Staatsohnmacht
alles an, was sie für Mißerfolge staatlicher Politik halten.
Dabei finden sich in diesem Sammelsurium Mißerfolge, die der Staat
selbst auch so bewertet (schrumpfendes Wachstum, sinkender Euro), und
solche, die diese Wissenschaftler deswegen zu Mißerfolgen staatlicher
Politik erklären, weil sie von ihrem Staat eine andere Politik
erwarten als er betreibt. Statt also zu fragen, warum der Staat diese
und jene Programme zur "Reform des Sozialstaats" auflegt,
liegt ihre Antwort bereits mit der Konstatierung der Sachlage fest:
Es handelt sich um Zeugnisse von Staatsohnmacht, weil ein mächtiger
Staat doch an der guten alten Sozialpolitik festhalten würde. Dass
der seine Gründe für dieses Umkrempeln hat, kommt ihnen gar
nicht erst in den Sinn: Idealistische Staatskritik macht eben aus Zwecken
Ohnmachtsbeweise.
Nun haben die Politologen und Soziologen aber auch von der Politik selbst
so bewertete Mißerfolge auf ihrer Liste. (Euro-Schwäche,
Wachstumszahlen, Arbeitslosigkeit...) Dennoch stimmt auch hier der Befund
nicht: Denn Mißerfolg und Ohnmacht sind nun einmal zwei Kisten.
Im einen Fall liegt eine Bilanz von Zwecken und Resultaten vor, im anderen
Fall wird dafür bereits eine Erklärung in Erwägung gezogen
und durch ihre Gleichsetzung mit dem Mißerfolgsbefund als einzig
mögliche Erklärung hingestellt: Fehlende staatliche Machtentfaltung.
Das ist Unfug. So etwas wäre zumindest erst einmal zu prüfen.
Vielleicht hat der Staat seine vorhandene Macht falsch eingesetzt! Vielleicht
hat er sie sogar richtig eingesetzt und ist dennoch vom Resultat unangenehm
berührt. Vielleicht ist diese Bilanz also gar nicht mit politischer
Machtentfaltung oder ihrem Fehlen vollständig zu erklären.
Vielleicht ist es dafür nötig, sich das Verhältnis von
Staat und kap. Ökonomie ein wenig genauer zu betrachten.[ii]
Soweit also das politische Programm, das der Globalisierungsideologie
zu entnehmen ist, und seine wiss. Aufwertung. Es steht für das
Interesse des Nationalstaats., all seine Macht aufzubieten, um seinen
nationalen "Standort" so auf Vordermann zu bringen, dass mit
ihm die "Herausforderung" der Globalisierung bewältigt,
also die internationale Konkurrenz erfolgreich bestritten werden kann.
Und wer die letzten Jahre nicht in einer big-brother-Kaserne verbracht
hat, der weiß und hat am eigenen Geldbeutel erfahren, dass es
sich bei diesem imperialistischen Interesse des deutschen Kanzlers nicht
um Sprüche eines deutschen Gernegroß handelt.
5. Linke
Das sage ich deswegen, weil die Globalisierungsdebatte innerhalb der
Linken in einer geradezu verblüffenden Weise zeigt, dass diese
Linken nicht nur nicht in der Lage sind, Ideologien gescheit zu kritisieren,
sondern die auffallende Übereinstimmung von politischer Ideologie
und in politische Praxis umgesetzten imperialistischen Interesses hiesiger
Politik mit erheblichem theoretischen Aufwand zu ignorieren bemüht
sind. Sie halten an der Ohnmachtsideologie fest und nehmen sie in einer
Weise ernst, dass man an die Stelle einer theoretischen Kritik des linken
Ghettos eigentlich immer nur ausrufen möchte: Wo lebt ihr eigentlich?
Da stellt sich ein Schröder hin, bemüht die moderne Variante
der Vorsehung für sein politisches Interesses, krempelt die Sozis
um, kennt nur noch Deutsche, die seinen Standort aufmöbeln müssen,
ist beim Kriegführen gleich mit dabei, stellt internationale Ansprüche
- und nicht nur als europäische Führungsmacht - , die sich
gewaschen haben ...... und die Linken haben nichts besseres zu tun,
als über die Ohnmacht des Nationalstaats zu jammern, sehen darüber
die Demokratie schwinden, lasten dies alles den Multis an, die sich
angeblich den Staat unter den Nagel gerissen und deswegen die demokratische
Nabelschnur zum Volk abgerissen haben. Andere dagegen bejubeln denselben
Sachverhalt, entnehmen ihm, dass das Prinzip des Nationalstaats nun
endgültig überholt und der Nationalismus überhaupt auf
dem absterbenden Ast sei. Manchen fällt - ohne es zu wissen - gleich
die faschistische Ökonomiekritik ein, derzufolge es das Finanzkapital
ist, das sich das Industriekapital unterwirft und zum Gewinnemachen
zwingt (Bischoff); und wieder andere stellen dann auch noch verblüfft
fest, dass sich auf ihren Kongressen "Junge Nationaldemokraten"
und andere Neofaschisten einfinden und ihnen Hilfe bei der Rettung des
deutschen Nationalstaats aus den Klauen des internationalen Großkapitals
und bei der Überwindung der "Spaltung der Gesellschaft (=des
deutschen Volkes) in arm und reich" anbieten. In der Tat treffen
sich hier linke Staatsidealisten und rechte Fanatiker staatlicher Souveränität
zum gemeinsamen Staatsrettungsprogramm.
Ihr genereller Fehler ist dabei immer derselbe: Nämlich der bereits
an der bürgerlichen Globalisierungstheorie aufgezeigte Staatsidealismus.
Auch die Linken halten sich nicht mit der Untersuchung der Ausstattung
der Politik mit Macht auf, sondern ziehen aus zurückgefahrener
Sozialpolitik, Steuerbegünstigung von Unternehmern, staatl. Einmischung
bei Fusionen usw. immer wieder den einen albernen Schluß, dass
man daran abzulesen könne, dass der Staat gar könne, was er
wolle - denn er erweise sich ja als der Staat des Kapitals, nicht aber
als der Volkes, das ihn nun mal gewählt hat. Der Staat habe sich
den Multis unterworfen, sei vollständig von ihnen abhängig
(Verwechslung von Abhängigkeit - von den Entscheidungen der Multis
- mit Ohnmacht), sei ein Spielball des Casinokapitalismus, und denke
nur noch in Kategorien des "shareholder-value". Ohnmacht ist
auch hier der (Fehl-)Schluß aus einer verrückten Politikkritik,
die von einem bei heutigen Linken ziemlich flächendeckend anzutreffenden
Urvertrauen in den demokratischen Nationalstaat lebt. Sie messen also
das Wirken des Nationalstaats an ihrem Ideal eines volksfreundlichen
Staats, stellen fest, dass der wirkliche Staat von ihrem Ideal abweicht
und erklären ihn daraufhin für entmachtet und denaturiert.
Die Übergänge von der bürgerlichen Globalisierungstheorie
zur linken Befassung mit der Globalisierung sind dabei so fließend,
dass alle Unterschiede verschwimmen. Hauptunterschied: Die einen verzapfen
den Quatsch am Schreibtisch, die anderen tragen denselben Quatsch auch
noch auf die Straße. [3]
**************
Soweit also zur Ideologie der Globalisierung, der Widerlegung ihrer
Lüge von der Ohnmacht des Nationalstaats und zur Kritik ihres zentralen
politischen Gehalts von der "Herausforderung" für die
Politik. Den haben wir aufgelöst in das politische Interesse des
imperialistischen Staates: Wir bekennen uns zum "Weltmarkt",
erklären ihn alternativlos zu unserem Erfolgsweg, und setzen uns
zum Ziel, mit unseren politischen Mitteln die kapitalistische Konkurrenz
der Nationalstaaten zu unseren Gunsten zu gestalten.
III. ( Zu 1.) Globalisierung als Weltmarktkonkurrenz: (Weltmarkt
I)
Was läuft eigentlich auf dem Weltmarkt unter der im Stichwort "Globalisierung"
markierten Lage tatsächlich ab? Was hat es auf sich mit der Behauptung
von der neuen Lage auf dem Weltmarkt und dem verschärften Wettbewerb?
Da sind jetzt ein paar präzisere Fragen dazu gekommen? Was haben
Staaten, die politischen Abteilungen des Kapitalismus, eigentlich mit
der weltweiten ökonomischen Konkurrenz zu schaffen? Was hat es
damit auf sich, daß sie sich - kapitalistische Nationalstaaten.
- zu ökonomischen Subjekten der weltweiten Konkurrenz erklären?
Wie kommen darin heute die transnationalen Konzerne, die Multis vor?
Was hat es mit der Standortkonkurrenz auf sich, die ganz offensichtlich
im Zentrum der globalen Konkurrenz steht? Was ist daran das Globale,
wenn jeder kapitalistische Nationalstaat sein Territorium als Kapital-Standort
aufmotzen will? Und schließlich - das Stichwort ist zwar noch
nicht gefallen, es weiß aber jeder, daß es dazu gehört
- was hat es mit der Währungskonkurrenz Dollar/Euro/Yen auf sich?
1. Staat als politisches Subjekt des Weltmarkts
a. Es zeigt ein erster Blick auf den Weltmarkt und
auf die Konkurrenz, die auf ihm tobt, dass die Konkurrenz von kapital.
Unternehmen auf dem WM von niemand anderem als von den Nationalstaaten
selbst initiiert, begleitet, vorwärtsgetrieben, ja - wie wir noch
sehen werden - von den kapitalistischen. Nationalstaaten. selbst ins
Leben gerufen wird. Phänomene: Bei jedem auswärtigen Staatsbesuch
geht es immer auch um die Vorbereitung und den Abschluß von Verträgen,
die regeln, wessen Firmen sich auf wessen Märkten breitmachen dürfen;
bei jeder Affäre im grenzüberschreitenden Geschäftsverkehr
sind also sofort immer die jeweiligen Staaten herausgefordert, nicht
selten kriegen sie sich dabei in die Wolle, weil es immer um die Frage
geht, wer für seine Geschäftsleute beim anderen die besten
Bedingungen durchsetzt; dabei bedrohen sie sich schon mal mit Sanktionen,
kündigen gar Handelskriege an und erpressen einander, um eigene
Geschäftsabschlüsse zu sichern oder fremde abzuwehren. (Auch
der jüngste WTO-Streit und auch die IWF-Personalie zeugen von nichts
anderem als von dem Bemühen der Nationalstaaten, ihre Macht für
ihre Nationalökonomie in die Waagschale zu werfen.) Daran kommt
niemand vorbei. Wir haben es also - das kann in aller Abstraktheit jetzt
schon festgehalten werden - nicht mit einer "Lage" zu tun,
der Nationalstaaten einfach so ausgeliefert sind. Sie betätigen
sich als die politischen Subjekte der weltweiten Konkurrenz: Ihre Sache
ist dabei - zunächst - das Aushandeln von Verträgen und Vereinbarungen,
das Abschließen von Rechtsbeziehungen zwischen Staaten; deren
Inhalt betrifft die Geschäfte und Geschäftsgelegenheiten der
ökonomischen Subjekte des Weltmarkts - und das sind zunächst
einmal die kap. Unternehmungen. Staaten verhandeln und streiten miteinander
also um die besten Bedingungen fürs Gewinnemachen ihrer Kapitale.
Und das will ich etwas genauer erklären, weil das auch den Kern
der Globalisierungsdebatte ausmacht:
b. Es betreuen Nationalstaaten mit ihrer Macht ihre
nationale Marktwirtschaft, ihren nationalen Kapitalismus, d.h. die Geschäfte
der bei ihnen angesiedelten Privateigentümer. Das ist nun mal -
ich habe es bereits erwähnt - ihr allgemeines politisches Programm:
Erfolgreichen Kapitalismus wollen sie! An den Geschäften der privaten
Geschäftsleute, der Kapitalisten, an ihrem Geldverdienen, sprich:
Geldvermehren, ist dem Nationalstaat äußerst viel gelegen.
Denn - auch dies ist nicht unbekannt - die ökonomische Macht des
Staates, d.h. die Verfügung über Staatsreichtum - und der
besteht nun einmal ebenfalls in nichts anderem als in Geld - für
seine Politik stammt aus dem, was bei ihm an Geschäft gemacht wird.
Es basiert sein gesamter Staatsreichtum folglich auf dem Erfolg der
kapitalistischen Geschäftsleute: Steuern, vermittelt darüber
auch Staatsschulden werden in Geldform kassiert und hängen am allgemeinen
Gelingen des Geldverdienens. Mit seinem Haushalt finanziert der St.
dann wiederum all jene Leistungen, die er seiner Gesellschaft, dieser
kapitalistischen Marktwirtschaft zu ihrer Beförderung angedeihen
läßt.(Infrastruktur, Schulwesen, Gesundheit...) Das geht
so seinen Gang. Die ökonomische Macht des kapitalistischen Nationalstaats
gründet also auf dem von ihm betreuten Geschäftserfolg seiner
privaten Geschäftsleute.
Für den Ausbau seiner ökonomischen Macht beschränkt sich
der Nationalstaat jedoch nicht auf sein Hoheitsgebiet. Da sein ökonomischer
Reichtum mit dem Erfolg seiner Unternehmen zusammenfällt, ist er
selbst schwer daran interessiert, die Sphäre der von ihm betreuten
Geschäftemacherei über sein eigenen Territorium hinaus auszudehnen.
Denn: Kapitalreichtum , gemessen in Geld, ist per se an keine lokale,
territoriale Grenze gebunden. Kapitalistisches Geschäft - G-G'
- ist per se, seiner Sache nach entterritorialisiert. Wo es ein Geschäft
wittert, da ist das Kapital interessiert, egal wieviel politische Grenzen
dazwischen liegen. Der kapitalistische Nationalstaat, der dieses Geschäft
zu seiner Sache macht, definiert sich also aus ganz eigenen staatsmaterialistischen
Gründen glatt selbst zur Schranke für den Erfolg kapitalistischer
Unternehmungen, macht es zu seiner eigenen Sache, dem Kapital grenzüberschreitende
Geschäfte zu ermöglichen. Wenn also kapitalistische Unternehmungen,
die bei ihren Geschäften auf die nationalen Grenzen ihres Stammlandes
gestoßen sind, auf auswärtigen Reichtum scharf sind - aus
welchen konkreten Gründen auch immer: etwa weil sie mehr Rohstoffe
zu Kapital machen wollen, als sie im Inland vorfinden, also Zugriff
auf fremde Rohstoffe benötigen, oder weil der nationale Geschäftsraum
mit seiner inneren Zirkulation ihren Geschäftsbedürfnissen
nicht mehr entspricht, wenn sie mehr produzieren als sie im Inland verscherbeln
können, wenn ihr staatlich betreuter Erfolg also die Grenzen der
nationalen Kaufkraft sprengt, also wenn das nationale Kapital für
die national vorhandenen Kapitalanlagemöglichkeiten zu erfolgreich
geworden ist - und wenn sie zu diesem Zwecke bei ihrem Nationalstaat
mit dem Ansinnen vorstellig werden, er möge ihnen irgendwie den
Zugang zu fremdem Reichtum, dem jenseits der nationalen Grenze zu eröffnen,
dann muß der dazu nicht erst groß überredet werden.
Kapitalistische Betriebe erfahren schnell, dass sie mit diesem ihrem
Interesse den Staat immer und von vornherein auf ihrer Seite haben.
Es ist dem Staat selbst ein Ärgernis, dass die Grenzen des Territoriums,
d.h. die Grenzen seiner Gewalt, zugleich die Grenzen seines Staatsreichtums
sein sollen. Wobei der ganze Inhalt dieses Ärgernisses in nichts
anderem als darin besteht, dass - und so definiert sich nun einmal Grenze
- jenseits seines Territoriums Seinesgleichen existiert, d.h. ebenfalls
eine Staatsgewalt, die dasselbe vorhat wie er; die also mit demselben
begehrlichen Blick auf die Geschäftsgelegenheiten jenseits der
Grenze blickt, wie der hiesige Staat den fremden Reichtum seinerseits
als Mittel für seine Kapitalisten in Augenschein nimmt.
Es handelt sich also bei der Internationalisierung des Geschäfts
ganz prinzipiell um eine ziemlich unverträgliche Angelegenheit
zwischen kapitalistischen Staaten. D.h. dass der Staat, der sich für
kapitalistische Marktwirtschaft entschieden hat, sich nicht nur dafür
entschieden hat, im Innern alles für den Erfolg des Geschäfts
zu tun, sondern sich von vornherein zu imperialistische Politik entschieden
hat. Den kapitalistischen Nationalstaaten sind ihre nationalen Grenzen
vom ökonomischen Standpunkt aus ein einziges Ärgernis, weil
fremde Staatsgewalten ihre Geschäftsleute vom Reichtum des Rests
der Welt ausschließen. Und der Ärger setzt sich in gewisser
Weise fort: Denn die anderen Staaten gewähren ihnen nur Zugang,
sofern sie selbst bereit sind, den fremden Betrieben die eigenen Grenzen
zu öffnen. Das macht die Sache - alle Verträge und sonstigen
Rechtsverhältnisse - zwischen Staaten so heikel: Auf der Grundlage
eines Vertrages, der den Zugang zum nationalen Territorium wechselseitig
erlaubt, wollen beide Seiten die Gewinner sein. [4]
Was nun mal nicht geht: Verkauf im Ausland, weil billiger als die dortigen
Produkte. Die finden folglich keinen Abnehmer, ziehen keine Zahlungskraft
auf sich.
c. So gut die Zusammenarbeit zwischen Nationalstaaten
und ihren Firmen bei dieser Sache auch funktioniert, sie haben am weltweiten
Geschäft nicht ganz dasselbe Interesse. Was die Unternehmen ins
Ausland treibt, ist schnell gesagt: Sie wollen im Ausland dasselbe treiben
können, was sie auch im Inland anstellen: Vorschuß vermehren,
aus Geld mehr Geld machen. Den kapitalistischen Betrieben ist es dabei
sogar völlig egal, wo sie ihren Warenkrempel verscherbeln und unter
welcher Flagge sie ihr Kapital anlegen. Immer dort, wo es sich für
sie am meisten lohnt - so gesehen sind sie wirklich vaterlandslose Gesellen.
Den kapitalistischen Staaten kommt es dagegen darauf an, dass die Geschäftsleute,
die sich ihr Territorium als Stammland für ihr Kapital ausgesucht
haben, den erwirtschafteten Reichtum, das Verdiente auch wieder in ihr
Stammland zurückbringen, es dort verbuchen und anlegen. Nur so
trägt der private Geschäftserfolg zur Stärkung der ökonomischen
Macht des Staates bei; und nur auf die kommt es dem bei der ganzen internationalen
Affäre an. Im Ausland verkaufen und die dort abgezockte Kaufkraft
- um die ist der Markt des fremden Staates dann übrigens geschmälert
- wieder im Inland anlegen, das erfreut den Staat, denn so etwas trägt
zum nationalen Wachstum bei und füllt die Staatskassen.
Festzuhalten ist also: Es basiert der Staatsreichtum auf dem seiner
kapitalistischen Privateigentümer, fällt aber nicht mit ihm
zusammen. Denn die Privaten haben ihr Geschäft bereits gemacht,
wenn sie nach ihren wenig heimatverbundenen Privatkalkulationen überlegen,
wo sie den Reibach wieder anlegen. Für den Staat geht es jetzt
erst los, weswegen es ihm gar nicht gleichgültig ist, wo das Kapital
das Verdiente hinschleppt. D.h. das Verhältnis zwischen Staat und
kapitalistische Unternehmen ist ein bißchen kniffliger als es
jene linken Vulgärökonomen sehen, die im kapitalistischen
Staat allein den untertänigen Diener seiner kapitalistischen Privateigentümer
sehen wollen. Was die Eröffnung von Geschäftsgelegenheiten
weltweit anbelangt, sind sie ein Herz und eine Seele; es ist der bürgerliche
Staat, eben der kapitalistische Staat. Was die Form und den Ort der
Wiederverwendung des Verdienten anbelangt, gibt es schon leichte Differenzen:
Denn kein Unternehmer gibt gern vom Gewinn was ab (Steuern) und es ist
ihm auch egal, wo er aus seinem angelegten Profit den nächsten
zieht. Dem Nationalstaat nicht! Und zwar aus demselben Grunde - nur
anders betont: Es ist der bürgerliche Staat, eben der kapitalistische
Staat, der für die Betreuung und Pflege seiner Nationalen Ökonomie
Geld braucht, das er als Staat nicht verdient, das er vielmehr von Verdienern
für die Pflege des allgemeinen kapitalistischen Verdienens abzweigt.
d. Soweit die eine Seite, das auswärtige Verkaufen.
Jetzt gehört zum freien Handel eben auch das Einkaufen im Ausland.
Die Kapitale schauen sich weltweit um, und kaufen dort Rohstoffe und
Produktionsmaschinen, wo sie am billigsten sind. Das senkt ihren Kostpreis
und erlaubt größeren Überschuß. Soweit hat auch
kein Nationalstaat etwas dagegen: wenn der billigere Einkauf im Ausland
einen Beitrag zum Geschäftserfolg im Inland leistet, ist das gut
und nicht schlecht. Nur - und jetzt kommt was Neues dazu - bilanziert
der Staat eben nicht so wie das einzelne Unternehmen, für das jede
einzelne Aktion - gelungener Verkauf (G') und billiger Einkauf (günstiger
Kostpreis) - ein Erfolg ist. Der Staat bilanziert für sich nämlich
die Summe aller Verkäufe und Einkäufe und registriert einen
Reichtumszuwachs für sich nur bei einer positiven Bilanz. D.h.
wenn die Summe aller jeweils erfolgreich verlaufenen Verkäufe im
Ausland die Summe der ebenfalls rentabel abgewickelten Einkäufe
seiner Kapitale übersteigt, dann nimmt er die Bilanz erfreut zur
Kenntnis. Umgekehrt umgekehrt: Für ihn bedeutet eine negative Handelsbilanz
nämlich, dass das Land, in dem seine Unternehmer mehr eingekauft
als verkauft haben, am Schluß Geld eingesammelt hat, sich an seinem
nationalen Reichtum bereichert hat. Wo er dieses Defizit gerade dem
anderen bereiten wollte! Was die eine Nation an Zahlungsfähigkeit
gewinnt, das verliert die andere. Während also alle an den Operationen
des grenzüberschreitenden Kaufen und Verkaufens beteiligten Kapitalisten
mit ihren Geschäften verdienen - sonst würden sie sie nicht
tätigen - ist es so, dass sich an diesen Geschäften immer
nur eine Nation stärker bereichert - und zwar an der andern. D.h.
so gesehen fallen private und staatliche Bilanzen erneut nicht gänzlich
zusammen. Das geht nicht anders, ist zwangsläufig so.[5]
e. Folgen dieser Weltmarkt (I)-Konkurrenz
Darüber kommt die Sortierung der Staaten kräftig voran: Da
gibt es Staaten, die nichts zu verkaufen haben, weswegen sich bei ihnen
auch nichts verkaufen läßt. Da sind Verlierer-Staaten, die
gemessen am Maßstab kapitalistischen Reichtums ziemlich ausgespielt
haben. Sofern sie sich Innern diesem kapitalistischen Maßstab
- Geld verdienen - schon gebeugt haben, sehen sie als Nationalstaat
schlecht aus und ihre Bevölkerung, die nun Landmaschinen kaufen
soll und nicht weiß womit, weil es das Geld nicht zu verdienen
gibt, noch schlechter. Denen wird bzw. wurde Entwicklungshilfe zuteil,
mit der sie den Versuch unternehmen sollten, sich so zuzurichten, daß
Geld ins Land fließt, daß also Geschäftsleute dort
ihr Geschäfte machen können. Eine nationale kapitalistische
Ökonomie ist darüber nicht zustande gekommen, sondern ein
Verschuldungswesen der Staaten, das ihren endgültigen Ausverkauf
beschleunigt hat. Eine veritable Produktion von Hungerleiderstaaten
ist das Produkt dieser Abteilung der kapitalistischen Weltmarktkonkurrenz.
(Nicht etwa von "uns": s. Wir die Reichen ....; Reichtum ist
Kapital- und Staatsreichtum. Damit ist klar begrenzt, wer das "Wir"
ist. s. a. Standortpolitik I)
Aber auch die Konkurrenz innerhalb der Gewinner dieser Weltmarktkonkurrenz
kommt darüber voran. Die Gegensätze innerhalb des imperialistischen
Lagers betreffen sie Hoheitsfragen: Der Streit beim Handel geht um Zugriffsrechte
auf den Reichtum fremder Nationen und beim Kapitalexport, wo es um Fragen
des Gewinntransfers, der Steuerhoheit und des Investitionsschutzes geht,
mischen sich Staaten gleich wechselseitig von vornherein in ihre nationalen
wirtschaftspolitischen und finanzpolitischen Berechnungen ein Wenn die
Betriebe einer bestimmten Nation nun gar auf Dauer ihre Geschäftsmittel
nur im Ausland kaufen, dann ist damit eine Entscheidung im Vergleich
der vom Staat mit all seinen Aktivitäten betreuten Kapitalproduktivitäten
gefallen. Die Nationalökonomien mit der chronisch negativen Handelsbilanz
haben es zu weniger rentablen kapitalistischen Reichtumsquellen gebracht.
Sie bestehen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt nicht mehr [6]
und werden damit auch als Reichtumsquellen für die Gewinner kritisch.
Über die Internationalisierung des Geschäfts reißen
zudem ganz neue Abhängigkeiten zwischen den Staaten ein: Wo jeder
bei jedem verdient und sich jeder bei jedem anlegt, ist jeder Staat
als Betreuer der Erfolge seiner Geschäftsleute von den Entscheidungen
jedes anderen Staates in zahlreichen Fragen abhängig: in Steuerfragen,
Fragen der Sozialpolitik, des Schutzes von Patenten, der Sicherung des
Eigentum usw.. Denn jede diesbezügliche nationale Entscheidung
tangiert unmittelbar das dort angelegte und wirtschaftende fremde Kapital.
Es sind dies Abhängigkeiten, die - um es nochmal zu sagen - immer
eine heikle Angelegenheit darstellen, gerade weil man auf den auswärtigen
Erfolg der eigenen Mannschaft setzt. So gesehen werden dann auch - und
dies ist der unter Imp. gebräuchliche Umgang mit solchen Abhängigkeiten
- Entscheidungen von Nationalstaaten für ihre Nationalökonomie,
gelegentlich von anderen Nationalstaaten wie Eingriffe in ihre Hoheitsansprüche
gewertet, eben weil ihr Kapital auf dem fremden Territorium Geschäft
macht.
Kleine Zwischenbilanz:
Es sind die kapitalistischen Nationalstaaten die politischen Subjekte
des Weltmarkts. Sie haben ihn für sich eingerichtet, zum Zwecke
der Mehrung ihrer nationalen ökonomischen Macht. Um ihres Konkurrenzerfolgs
willen bemühen sie sich um weltweit günstige Geschäftsbedingungen
für ihre Kapitalisten, die ökonomischen Subjekte des Weltmarkts;
von deren tatsächlichen Erfolgen sie dann eben auch abhängig
sind. Vonwegen der Nationalstaat findet eine "Lage" vor, der
er sich als einem Sachzwang unterwirft: Er findet genau die Lage vor,
die er in der Konkurrenz mit seinesgleichen herstellt. Vonwegen er unterwirft
sich den Kapitalisten: Er macht sich um seinetwillen zu ihrem Diener
und eben auch nur soweit, wie er darüber seinen Reichtum mehrt.
Es gilt nochmal festzuhalten: Staatsreichtum basiert auf Privatkapitalreichtum,
fällt aber nicht mit ihm zusammen. Und schließlich vonwegen
das Nationale, der Nationalismus des Nationalstaats hätte im Zeitalter
der Globalisierung ausgedient: Der ganze ins Werk gesetzte Internationalismus
des kapitalistischen Geschäfts dient überhaupt nur der Bereicherung
von Nationalstaaten auf Kosten ihrer Konkurrenten, ist also Mittel ihres
Nationalismus. Der ganze Weltmarkt ist Kampfplatz von mit Gewalt ausgestatteten
Nationalismen, die sich wechselseitig die Mehrung ihrer ökonomischen
Macht bestreiten. Was sie dabei jedoch nicht in der Hand haben, das
ist die Entscheidung in der Frage, wer ist der Sieger, wer ist der Verlierer
der Konkurrenz? Soweit sind sie eben vom Resultat ihres Konkurrenzwirkens
- manchmal sehr unverhofft - betroffen. Die Resultate der weltweiten
Geschäftemacherei bilanzieren die Staaten für sich und kommen
dabei schon mal zu dem Befund, das die nationale Bilanz nicht so ausgefallen
ist, wie sie sich das bei ihrem Wirken vorgestellt haben. Das müssen
sie - erst einmal - so zur Kenntnis nehmen: Denn sie sind nun einmal
dieser von ihnen selbst hergestellten Konkurrenzlage ausgesetzt. (Frei
nach KI, S.377: Einerseits betätigen sie sich als souveräne
Nationalstaaten, die andererseits "keine andere Autorität
anerkennen als die der Konkurrenz, den Zwang, den der Druck der wechselseitigen
Interessen auf sie ausübt.") Als politische Subjekte der Konkurrenz
beschweren sie sich zugleich über die Resultate ihres eigenen Wirkens,
die über die Konkurrenz der ökonomischen Subjekte auf den
Märkten zustande kommen. Und diesem Resultat ihrer eigenen Anstrengungen,
begründet aus dem eigenem Interesse - dem heimischen Kapital den
Zugriff auf fremdstaatlichen Reichtum zu eröffnen - , sind sie
dann in der Tat "ausgeliefert": Sie sind damit konfrontiert,
daß ihre Kapitale zu den Siegern, aber auch zu den Verlierern
der Konkurrenz gehören können. Nationalstaaten sind - so gesehen
- immer das doppelte: Sie sind (bis hierher) die politischen Subjekte
der Konkurrenz und von den Resultaten der Konkurrenz als Objekt betroffen.
2. Standortpolitik I
Ihren relativen Mißerfolg lassen sich solche kapitalistischen
Industriestaaten nicht so ohne weiteres bieten - ebenso wie die relativen
Sieger sich nicht auf ihren Erfolgen ausruhen. Die jeweiligen Konkurrenz-"Betroffenen"
sehen sich herausgefordert und sind als Konkurrenz-Subjekte, als Herren
über ihr Land sofort mit dem Beschluß bei der Hand, durch
Anstrengung aller Kräfte diesen Zustand zu korrigieren.[7]
Dafür bemühen sie sich, einerseits ihr Land, ihre Nationalökonomie
so zuzurichten, dass der Kapitalproduktivitätsvergleich in Zukunft
für sie, d.h. für ihre Geschäftleute, und darüber
für ihren Staatsreichtum positiv ausgeht. Ich nenne das: Standortpolitik
I. Zu besichtigen ist dies an der Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik
in Deutschland ab der 60er Jahre. Die Anstrengungen beziehen sich auf
den Ausbau des Sozialstaats: Die Zurichtung einer ausgebildeten, arbeitsfähigen
und -willigen Arbeiterklasse, die so vom Staat betreut wird, dass die
Forcierung der Ausbeutung dennoch das Arbeitsmaterial insgesamt nicht
ruiniert. (Achtung: "Wir" sind verantwortlich für Armut
in der 3.Welt! Der Sachverhalt: Diese 3.Weltstaaten verlieren hochkant
jenen Vergleich in Sachen Kapitalproduktivität, für den hierzulande
die lohnabhängigen Massen in Sachen Lohn und Leistung eingespannt
werden. Der Gegensatz verläuft also ein bißchen anders als
zwischen "denen" und "uns"!) Ausbau der Infrastruktur;
Subventionen fürs Kapital und gelegentlich sogar mal Verstoß
gegen Freihandel: Grenzen schließen für Herstellung von Kapitalproduktivität
für die Weltmarktkonkurrenz ohne zugleich derselben ausgesetzt
zu sein. Andererseits bleibt man auch nach außen nicht untätig:
Man beschwert sich z.B. via GATT(WTO ) oder OECD etc., darüber,
dass andere Nationalstaaten das gleiche tun wie man selbst, nämlich
Protektionismus und Freihandel jeweils nach nationalen Nutzenkriterien
einzusetzen usw. Dass dabei hergestellte Abhängigkeiten ausgenutzt
werden, liegt auf der Hand.
So kümmern sich die Nationalstaaten mittels des inneren und äußeren
Einsatzes ihrer politischen und finanziellen Macht entweder um die Korrektur
von Mißerfolgen oder um den Ausbau der Erfolge ihrer Geschäftsleute.
IV. Weltmarkt II
1. Die Währungskonkurrenz - Nationalstaat als ökonomisches
Subjekt der Konkurrenz
a. Einige Nationen sind darüber zu Exportnationen
oder gar -weltmeistern geworden. Mit der positiven Handelsbilanz haben
sie zugleich fremde Zahlungsfähigkeit, also Devisen, fremde Währung
an sich gezogen. Solche Devisenüberschüsse sammeln sich bei
ihnen an, weil alle Geschäftsleute der Welt zum Einkaufen, also
zum Importieren, ihr nationales Geld in die Währung des Landes
tauschen müssen, in dem sie kaufen wollen.(Entweder in der Form,
dass drüben getauscht wird, also DM z.B. in Frankreich landet und
den dortigen Devisenhaufen vergrößert oder aber als Umtausch
hier, was dazu führt, dass der Devisenvorrat hier schmilzt, was
im Endeffekt auf dasselbe hinausläuft.) Und der Devisenhaufen wächst
mit den Exportüberschüssen. Inzwischen sind die Devisenvorräte
nicht nur Geschäftsmittel, mit denen dann einheimische Geschäftsleute
im Ausland einkaufen können - das ist fast nur mehr die technische
Seite des Devisenüberschusses -, sondern mehr. Diese Devisen sind
inzwischen zum wichtigsten Grund geworden, warum Staaten auf ihre Handelsbilanz
so genau aufpassen und die Exportüberschüsse feiern. Warum?
b.(Dazu muß ich ein bißchen weiter ausholen)
Daß Staaten gegeneinander antreten und um die Stabilität
ihrer Währungen konkurrieren, ist offensichtlich. Kaum ein Datum
erregt hierzulande die Gemüter mehr als der Stand des Euro im Verhältnis
zum Dollar. Doch warum ist das so? Was hängt daran? Warum steht
im Zentrum der Globalisierungsdebatte immer die Frage, wie stark oder
schwach ist der Euro bzw. bis vor kurzem noch: die DM?
Was ist eine Währung? Eine Währung ist nationales Geld im
Verhältnis zu anderen nationalen Geldern. Mit Währung wird
ausgedrückt, daß es unterschiedliche Nationalformen des Geldes
gibt, DM, Franc, Dollar usw. Kurz, daß jeder Staat sein Geld besitzt.
Mit diesem Geld hat seine doppelte Bewandtnis: Erstens werden hierzulande
alle Geld-Operationen im hiesigen Staatsgeld durchgeführt: Kaufen,
Kassieren, Anlegen, Leihen, Sparen ... Das ist insofern gar nichts Selbstverständliches,
als dieses Staatsgeld, mit dem Waren aller Art gekauft werden können,
selbst gar kein Wertäquivalent darstellt. Für ein Brot gibt
man einen Papierlappen und für eine Stereoanlage gibt man einen
anderen, aber eben schon wieder nur einen Papierlappen hin, obwohl der
Preis des Brotes (5,-DM) und der Preis der Stereoanlage (1.000,-DM)
völlig unterschiedliche Wertverhältnisse (1:200) signalisieren.
Das Geld, das da gegen Ware die Hände wechselt, ist also nicht
für sich Wert (früher: Gold, Silber...), sondern Zeichen für,
Repräsentant von Wert. Das kapitalistische Geschäftsleben
hierzulande wird also nicht durch die um Umlauf befindliche Masse Goldes
beschränkt, sondern dadurch entschränkt, daß der Staat
mit seiner Staatsmacht dieses Papiergeld jedermann zur Vorschrift macht.
Zwar kann bzw. muß man mit diesen Zetteln alles kaufen, hat aber
als Geldbesitzer keinen reellen Gegenwert für seine Ware bekommen,
sondern nur nominelles Geld. Das muß in dem Land nicht stören,
indem die entsprechende Staatsmacht für die Gleichung staatliche
Papierlappen = Geld sorgt. Denn hat dieses Geld einen schweren Mangel:
Denn im Unterschied zum klassischen realem Geld (Gold) versagt dieser
Goldersatz dem kapitalistischen Geschäftemacher dann den Dienst,
wenn der erst so richtig, d.h. weltweit loslegen will. Dann stößt
er auf andere Nationalformen des Geldes, kann mit dem zu Haus Verdienten
nichts anfangen.
Das läßt natürlich die Staatsgeldmacher nicht ruhen:
Wozu haben sie ihr Papiergeld denn in die Welt gesetzt? Doch um Geschäfte
zu entgrenzen! Und nun erweist sich das dafür in die Welt gesetzte
Mittel, das Staatsgeld, dafür als nur bedingt tauglich. Geschäfte
jenseits seiner Hoheit stoßen auf andere Nationalgelder, die man
besitzen muß, um dort zu kaufen, die man aber in der Heimat gar
nicht verdienen kann. Folglich stellt sich der kapitalistische Nationalstaat.
- und zwar jeder - auf den Standpunkt, daß sein nur national gültiges
Staatsgeld, diese wertlosen Papierlappen international gültiges
Geld werden muß, um es tatsächlich als allgemeines Geschäftsmittel
und allgemeine Reichtumsform zu etablieren.
c. Und damit sind wir bei einem ziemlich harten Staatsprogramm
angelangt, dessen entwickelte Form die weltweite kapitalistische Konkurrenz
heute bestimmt. Staaten haben nun ihr nationales Geld dadurch zu einem
Geld gemacht, mit dem auch außerhalb des Garantieterritoriums
alle Geldgeschäfte abgewickelt werden können, daß sie
die Austauschbarkeit ihrer Staatsgelder vereinbart haben. Dadurch kann
mit DM in Frankreich kaufen, indem man DM gegen Franc in bestimmtem
Wechselkurs tauscht. Das kennt man und weiß auch, daß jetzt
sofort eine ganz neue Frage auf der Tagesordnung steht: Nämlich
die Frage der Wertigkeit der jeweiligen Währung: (Rekurs: Dies
und alle darauf folgenden Konkurrenzaffären gab es nicht, als es
nur ein international gültiges Geld - eben Gold - gab. Wertigkeit
von Gold ist blöde Frage: Der Wert des Goldes ist der Wert des
Goldes, egal ob in französischem, deutschem oder us-amerikanischem
Besitz.) Nun aber, wo nationale Wertzeichen als internationales Geld
gelten sollen, stellt sich diese Frage. Was kann ich heute für
100 DM in F, in USA oder GB kaufen, ist eben nicht nur eine Frage, die
Urlauber interessiert? Vor allem interessiert sie Geschäftemacher
aller Art. Davon hängt ab, in welcher Währung und in welchem
Land bzw. Währungsraum sie Geschäfte machen und ihren Betrieb
aufbauen, in welcher Währung sie ihre Gewinne anlegen usw. Da also
von der relativen Wertigkeit einer Währung im Verhältnis zu
anderen die Attraktivität der eigenen Währung als Geschäftsmittel
und die nationale Ökonomie als Anlagesphäre abhängt,
gehört seit der Zeit der Währungsvergleiche die Frage im Zentrum,
was eine Währung stabil macht. Und diese Frage ist - anders formuliert
- nichts anders als Frage nach der Solidität der staatlichen Geldemissärs,
der Solidität des Staates als Bürgen für ein in international
zur Anwendung kommenden Geldes, das nur aus Repräsentanten für
Geld, Falschgeld besteht.
Bleiben wir bei der Frage: Das nationale Geld ist als international
soviel wert, also international soviel nachgefragt, wie der Staat für
den Wert dieses Geldes auch auswärts bürgt. Doch da auswärts
seine Gewalt nicht gilt, er also einem US-Geschäftsmann nicht befehlen
kann, in den USA DM-Geschäfte zu machen - da wäre vielleicht
was los -, muß die "Bürgschaft" eine andere Qualität
als die der Staatsgewalt haben. Zwei Sorten von Staats-"Bürgschaften"
für die internationale Qualität des nationalen Geldes gibt
es: Entweder, der Staat verfügt über soviel an Fremdwährung,
daß er jeden DM-Schein auf Verlangen in die gewünschte andere,
z.B. Heimat-Währung wieder umtauschen kann. Dann kann er jedem
Geschäftsmann sagen: Macht hier DM-Geschäfte, wenn ihr die
DM wieder in Eure Heimatwährung umtauschen könnt, bitte sehr!
Voraussetzung dieser Sorte Bürgschaft ist: Er muß über
diese Fremdwährung auf den Banken der Nation verfügen. Dies
heißt in erster Linie: Die eigenen Geschäftsleute müssen
sie selbst auswärts verdient haben, also in der Konkurrenz den
Geschäftsleuten anderer Länder überlegen sein, d.h. preisgünstiger
als die produzieren. Dann werden jene Devisen verdient, die der Exportweltmeister
zu seinem Handelsbilanzüberschuß zusammenrechnet. Die Devisenhaufen
sind also für den Staat nicht in erster Linie als Mittel für
Geschäftsleute interessant, sondern als Ausweis stabiler Währung.
Weswegen gilt: Je größer das auswärts verdiente Geld,
desto geringer die Notwendigkeit, mit diesen Devisen für Geschäfte
in der eigenen Währung zu bürgen.
Das führt zur zweiten "Bürgschaft". Die ist die
Konsequenz der erfolgreichen ersten Bürgschaft und läßt
genau genommen jedes Bürgen hinter sich, stellt vielmehr das Ideal
eines jeden kapitalistischen Nationalstaats dar: Wenn nämlich ein
Staat über viel von seinen Geschäftsleuten verdiente Fremdwährung
verfügt, dann muß er - wie gesagt - seine Währung nicht
mehr gegen andere Währung einlösen. Dann ist seine Währung
für sich der Ausweis für eine in der Konkurrenz überlegene,
produktivere nationale Ökonomie. Überall exportiert sie ihr
Zeug mit Gewinn und die Produzenten der Heimatländer bleiben drauf
sitzen. Dann überlegen sich Geschäftsleute, ob sie sich nicht
in diesem Währungsraum anlegen. Dann ist diese Währung nicht
mehr gutes Staatsgeld, weil für es gebürgt wird, sondern weil
es überall nachgefragt wird. Man will es haben, weil es stabil
ist, d.h. viele Geschäfte in ihm gemacht werden; und deswegen wird
selbst gern als Bürge überall gern gesehen. Dann hat das nationale
Geld als internationales Geld Anerkennung gefunden haben. Dann ist der
Staat der Ideal des Dukatenesel nahe: Aus den heimatlichen Pressen oder
aus der nationalen Staatsverschuldung kommend besitzt es wegen der allgemeine
Nachfrage international die Qualität von Gold - richtigem kapitalistischem
Wert; allerdings ohne ihn wirklich zu haben. Es handelt sich ja weiterhin
um Papierzettel und staatliche Schuldzettel (bei Renten), nicht um Verkörperungen
von echtem kapitalistischem Reichtum; weiterhin besteht seine Qualität
darin, dass es im Verhältnis zu anderen Papierzetteln international
begehrt(-er) ist.
d. Damit ist klar, warum die kapitalistischen Staaten
sich heute derart auf die Währungskonkurrenz konzentrierten: Die
Verkörperung von kapitalistischem Reichtum, die Verfügung
über ihn und die Verfügung über die am kapitalistischen
Reichtum hängende Macht auf der Welt, hängt heute an der Anerkennung
des nationales Geldes als internationales Geld, als Weltgeld. Das löst
sich in vier Punkte auf.
Erstens: Wenn die Währung stabil ist, dann ist jedes Geschäft
in dieser Währung für sich eine Erfolgsgarant. Dann muß
der Geschäftsmann nicht fragen, ob er nicht aus dem EURO/Dollar
raus gehen muß, um einer Entwertung seines Reichtums per Entwertung
der Währung zu entgehen. Dann wollen Geschäftleute überall
möglichst ihre Geschäfte in dieser guten Währung tätigen
- egal auf welchem Territorium ihr Geschäft gerade läuft.
D.h. aber, daß diese gute Währung überall verfügbar
sein muß. Dann steigt die weltweite Nachfrage nach der nationalen
Währung, was wiederum die Stabilität befestigt.
Zweitens: Da diese Hochwertigkeit - relative - des einen nationalen
Geldes der Ausweis für das erfolgreiche kapitalistische Geschäft
ist, zieht das Heimatland der Währung Kapital an: Wachstum! (sowohl
Industrie als auch Banken)
Drittens: Wenn diese Währung nachgefragt ist, dann steigt
auch die Nachfrage nach den verzinslichen Staatspapieren, Staatsschulden
in dieser Währung, mit denen der Staat seinen Staatshaushalt finanziert.
Dann sind diese Papiere nicht wegen der Zinsen, sondern wegen der Güte
der Währung goldwert, werden entsprechend gehandelt, beliehen usw.
Das ist der Dukatenesel. Diese Schuldzettel werden diesem Staat aus
der Hand gerissen, was die Freiheit bei der Finanzierung seines Staatshaushalts
per Schulden ungemein erhöht.
Viertens: Zu diesem unbeschränkten Kredit in der Geschäftswelt
gehört aber noch mehr: Wenn der Umfang der Geschäfte in aller
Welt, die mit solchem stabilen Geld abgewickelt werden, wächst,
dann muß jeder Nationalstaat dafür sorgen, dass seine Geschäftsleute
von dieser Währung immer genug vorrätig finden. Da aber diese
gute Devise nicht im gleichen Maße verdient wird, wie sie gebraucht
wird - Exportüberschüsse häufen sich gerade woanders
- müssen sie geliehen werden. Zu diesem unbeschränkten Kredit
gehört also auch, dass sich Staaten in dieser Währung verschulden,
sodass es passieren kann, dass Teile des Staatsreichtums aus Schulden
bestehen, die dieser Staat in dem Land mit der stabilen Währung
gemacht hat. Per gesicherter Währung, per Weltgeld haben dann Staaten
Zugriff auf Teile des Staatsreichtums fremder Länder - was einiges
an zusätzlich benutzbaren Abhängigkeiten einschließt.
Deswegen sind heute die führenden kapitalistischen Nationalstaaten
als Währungshüter, als Interessenten an der internationalen
Gültigkeit und Akzeptanz ihrer nationalen Währung selbst die
politisch-ökonomischen. Subjekte der Konkurrenz auf dem Weltmarkt.
Darum dreht sich heute alles bei den kapitalistischen Nationalstaaten.
Erfolg in der Währungskonkurrenz ist Verfügung über ziemlich
unbegrenzte Geldmacht und damit politische Macht.
e. Es setzt damit natürlich eine neue Sortierung
zwischen kapitalistischen Nationalstaaten als Folge der Währungskonkurrenz
ein. Nun gibt es Nationalstaaten, deren Währungen haben Weltgeldqualität
(Euro, Dollar, Yen). Dann gibt es welche, mit denen sich zwar noch Weltmarkt-Geschäfte
machen lassen, aber nur begrenzt. Schließlich gibt es welche,
die gleich auf nationale Währungen zurückgestuft sind, die
international nichts gelten. Geschäfte gehen dann so: Die Pesos,
die ich bei dir, Brasilien, verdiene mußt Du mir aber gleich in
Dollars umtauschen. Denn mit Deinen Pesos läuft auf dem Weltmarkt
nichts. Wo du die her bekommst, ist deine Sache. Das ist schon ein böser
Befund: denn diese Staaten, die - wenn sie sich zur kapitalistischen
Produktionsweise entschieden haben - auf dem Weltmarkt zum Verdienen
angewiesen sind, sind hinsichtlich ihres Staatsgeldes ausgegrenzt. Sie
haben in ihrem Geld keinen Reichtum, keine Reichtumsquelle. Und schließlich
gibt es inzwischen Staaten, die erklären ihren Währungs-Bankrott
offen und verzichten auf nationale Währung (Ecuador...). Das ist
ein Bankrott, der zugleich der Bankrott ihrer Bemühungen ist, eine
kapitalistische Produktionsweise einzuführen. Nicht einmal mehr
für die innere Zirkulation taugt es was, das Staatsgeld (Zwischenschritt:
Doppelwährung, die offizielle und das Schwarzgeld in Gestalt einer
harten.)
f. Für die Gewinnung dieser neuen Freiheiten bei
der Verfügung über Weltgeld sind Nationalstaaten sogar bereit,
Freiheiten aufzugeben. Und es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig,
als dafür einen Teil der Hoheit über ihr Geld aufzugeben.
Was ihr Geld als Inbegriff des universellen Reichtums taugt, das machen
sie jetzt nicht mehr von ihrer nationalen Gewalt abhängig, sondern
das überlassen sie - seit 1972 mit der allgemeinen Freigabe der
Wechselkurse vollständig und allgemein [8] - einem
Test auf den Wert ihres Geldes, der auf dem Geldmarkt stattfindet, also
von allen Geldgeschäftemachern weltweit vollzogen wird. Das ist
schon wieder so eine Form der freiwilligen Unterwerfung, diesmal unter
die Konkurrenz von privaten Geldhändlern. Aber ebenfalls eine kalkulierte.
Denn nur so können sie überhaupt den Anspruch geltend machen,
dass ihr Geld das Zeug dazu hat, allgemeingültige Form des Reichtum
weltweit - also gegen alle anderen Währungen - zu sein. Wenn sie
ihr Geld nur daheim lassen und benutzen, wird aus diesem höchst
anspruchsvollen geldimperialistischen Ideal nichts.
2. Weltmarktkrise
Über das praktische Bekenntnis aller imperialistischen Nationalstaaten
zur Internationalisierung ihres nationalen Geldes haben die Geldmärkte
inzwischen einen Aufschwung hingelegt, der sich gewaschen hat. Das kann
nicht verwundern. Denn wenn Währungen zum Kampfmittel in der Konkurrenz
von Nationalstaaten avancieren, weil jede Nation mit ihrer Währung
über Geld in neuer unbeschränkter Größenordnung
verfügen will, dann müssen sie dafür ihren Wert gegen
andere beweisen. Und dafür muß immer schon sehr viel konkurrierendes
nationales Geld unterwegs sein. Das ist der Widerspruch dieser Geldmärkte:
Staaten müssen mit ihrem Geld, wenn sie es der Bewährungsprobe
auf den Geldmärkte unterwerfen, so verfahren, als hätte dies
den Test aufs Weltgeld bereits bestanden. Staaten müssen also ihr
Geld auf die Märkte werfen, wenn sie es zu einer Form international
gültigen Reichtums machen wollen. Sie müssen davon ausgehen,
das in ihrem Geld - immer im Vergleich mit anderen Währungen -
mehr Geschäft stattfindet; und zwar bevor Geschäfte mit dem
Geld vollzogen sind. Wenn sie es zuhause behalten - wird da nie was
draus. Doch was von den weltweit zirkulierenden staatl. Schuldzetteln
sich dann tatsächlich als Geld bewährt, in dem eine allgemeingültige
Substanz steckt, das hängt letztlich von nichts anderem ab, als
was von diesem Geld von Geschäftsleuten weltweit tatsächlich
zur Vermehrung von Reichtum eingesetzt wird. Und das erweist sich -
wie immer in der Konkurrenz - erst post festum.
Was den Weltmarkt heute - seit einem knappen Jahrzehnt - auszeichnet,
das ist die Kehrseite dieses Programms der führenden kapitalistischen
Staaten. Sie haben alle dermaßen viel von ihrem nationalen Geld
in den internationalen Umlauf gebracht, soviel Geld verdient, soviel
Positionen weltweit erobert, dass sie dabei seit kurzer Zeit an eine
Grenze gestoßen sind. Weltweit stockt die allgemeine Vermehrung
des Kapitals, weil zuviel Geld da ist im Verhältnis zu dem, was
sich heute noch auf dem Weltmarkt mit ihm verdienen läßt.
Was bedeutet das? Das bedeutet, dass der Weltmarkt, der bisher das Erfolgsmittel
der führenden kapitalistischen Staaten war, sich jetzt als Quelle
von Mißerfolgen, als Schranke erweist. Das haben nachgeordnete
Wirtschaften (asiatische Tiger) mit ihren Währungen als erste zu
spüren bekommen; übrigens deswegen zu spüren bekommen,
weil sich das Kapital überall anlegt und überall mit Gewinnchancen
und Wechselkursen kalkuliert, d.h. sein Kapital auch schnell wieder
abzieht, wenn eine nationale Währung, über die ihr Geschäft
läuft, "einzubrechen" beginnt. Sie können es eben
nicht leiden, wenn Staaten, bei denen sie sich anlegen, nicht für
die Güte des Geldes garantieren können, in dem sie ihr Geschäft
machen. Das bekommen zudem sowieso alle GUS-Staaten und Rußland
zu spüren - mit ihren abgeschifften Währungen. Und das zeigt
sich in den G7-Staaten an allen Versuchen, ihr Geld durch Sparhaushalte
stabil zu halten, an den Privaten - Banken und Industrien -, die durch
Zusammenschlüsse zu einer erfolgversprechenden Größe
gelangen wollen, die per Akkumulation auf dem Weltmarkt nicht mehr hinzukriegen
ist. Das zeigt sich an Firmenzusammenbrüchen und an allen Bemühungen
von supranationalen Organisationen (WTO), z.B. dadurch neue Sphären
des Geldverdienens zu erschließen, dass ehemals staatliche Sphären
zu internationalen Geschäftsmitteln und -gelegenheiten erklärt
werden usw.
Das ist die Lage heute: Der Weltmarkt, einst von Nationalstaaten für
ihr Kapital erobert, weil sie die Schranke überwinden wollten,
die sie selbst als nationaler Territorialstaat für die Gewinnansprüche
des Kapital darstellen, ist nun selbst vom Mittel der Reichtumsvermehrung
zur Schranke, zum Hindernis geworden - und zwar gerade durch seine extensive
Benutzung. Staaten, die schnell begriffen hatten, dass ihr Land für
das Wachstum, das sie wollten, zu klein ist und zu wenig hergibt, die
also praktisch den Befund umgesetzt haben, dass Kapitalismus in einem
Land nicht zu haben ist, stehen nun vor dem Resultat ihres vollständigen
Sieges, der vollständigen Eroberung des Globus für das Kapital,
und müssen zur Kenntnis nehmen, dass ihr Erfolgsmittel ihnen ihre
- selbst produzierten - Grenzen aufweist. Dabei ist nicht allein das
weltweite Verkaufen und Kapitalanlegen an seine Grenze gestoßen.
Es ist dies alles Beleg dafür, dass die etablierten Weltgelder
selbst in der Krise sind, also jene (etwa 3-7) Währungen, die als
Sieger übriggeblieben sind, nachdem schon die Währungen des
Rests der Welt als Weltgelder ausgemustert worden sind: Ihre relative
Wertigkeit steht auf dem Spiel, wenn sich zeigt, dass den Massen an
zirkulierendem Weltgeld keine Geschäftsgelegenheiten entsprechen.
Dann zeigt sich, dass die mit ihrer Ausgabe behauptete Wertsubstanz
dieser Gelder Schein ist. Weswegen - richtig klassisch krisenmäßig
- mit dem Wertverlust von Weltgeld die Entwertung all jener kapitalistischen
Reichtumsformen ansteht, die in einer dieser Währungen denominiert
sind. Da mögen dann Betriebe zwar laufen wie eh und je, ihre Produktivität
steigen und die Leute wie immer rangenommen werden: Was das Zeug aber
kapitalistisch gilt, also als Wert gilt, ändert sich schlagartig
mit dem Wert der Währung, indem der Betrieb rechnet und Geschäfte
macht. Der Wert ganzer Nationalökonomien sinkt darüber. Die
Staatsverschuldung klappt nicht mehr so richtig. Inflationsraten steigen
und sorgen zusätzlich dafür, dass Geldanleger graue Haare
kriegen, weil sie den sicheren Hafen vermissen, statt dessen volatil
über den Geldmarkt turnen, Anlagen streuen und/oder auf die relativ
stabilste Währung - immer noch der Dollar - setzen. Die Krise des
Weltmarktes ist also die Krise der Weltgelder.
Damit haben wir - sozusagen - die Rede von der Globalisierung eingeholt
und "die Lage" erklärt, die heute als "Verschärfung
der Konkurrenz" zur Kenntnis genommen wird und nach 150 Jahren
Weltmarkt eine Globalisierungsdebatte ausgelöst hat, in der es
teilweise zugeht, als hätten ihre Protagonisten zum ersten Mal
den Weltmarkt entdeckt. Entdeckt haben die Globalisierungsideologen,
dass sich auf dem Weltmarkt nichts mehr so wie in der Vergangenheit
des Wirtschaftswunders, Exportweltmeisters und der Etablierung der DM
als Ankerwährung schiebt. Es ist also die Krise des Weltmarkts,
die Krise der Weltgelder der Grund der Globalisierungsideologie. Es
ist dies nicht der Weltmarkt oder irgendeine neue Qualität (Ära,
Phase) desselben, sondern dass er durch die Weltgeldkonkurrenz an seine
Grenze gestoßen ist, dass er es zu einer ziemlichen Dauerkrise
gebracht hat; weswegen es denn auch kein Wunder ist, dass die Globalisierungsdebatte
zeitgleich Anfang der 90er Jahre mit dem Offenbarwerden dieser Krise
losbrach. (Währungen sind im übrigen schon immer den Bach
runtergegangen - vgl. Südamerika etc.; jetzt werden die Gelder
der Imperialisten kritisch und schon hebt ein großes Globalisierungsgeschrei
an.)
3. Standortpolitik II
a. Mit dem aktuellen Resultat von knapp 30 Jahren Währungskonkurrenz
haben sich drei Sieger - EURO, Dollar, YEN - herausgebildet; die über
die Erledigung der meisten der übrigen Währungen einen Kredithaufen
zuwege gebracht haben, der das Geld selbst in eine Krise manövriert
hat. Das erledigt die Konkurrenz zwischen ihnen nicht. Wie sollte es
auch, da ja jede Währung ihren Wert darin mißt, daß
sie im Vergleich zu den anderen Währungen mehr Geschäft der
Welt auf sich vereinigt. Die Konkurrenz geht zugespitzt munter weiter
und bekommt einen neuen Inhalt. Sie wird beherrscht von den Schlagzeilen
über das EURO-Dollar-Verhältnis! Das Klima wird rauher, da
größere Kaliber von Währungen, die größere
Massen Reichtum hinter sich haben, deren Reichtumscharakter gerade kritisch
ist, aufeinander treffen. Das Klima wird dabei rauher: sowohl zwischen
den verbliebenen Konkurrenten (vgl. WTO-, IWF-Debatten), als auch zwischen
den Siegern und dem großen Rest der Verliererstaaten (vgl. Abschreibungsaktionen
wie Entschuldung, neue IWF-Maßstäbe bzw. Kredit-Verweigerungen,
Umschuldungsverweigerungen).
Wie verfahren die kapitalistische Staaten in Anbetracht der Krise des
Weltmarktes mit der Währungskonkurrenz? Staaten, die den Weltmarkt
über Jahrzehnte hinweg als Erfolgsmittel genutzt haben, stehen
mit der allgemeinen Krise vor einer Entscheidungsfrage: Ihr Mittel ist
zu einer Schranke der Mehrung ihres nationalen Reichtums geworden. Suchen
sie sich nun einen anderen Weg, reduzieren sie angesichts allgemeiner
Überakkumulation ihr Weltmarktengagement oder sagen sie: Jetzt
muß man erst recht die Konkurrenz auf dem Weltmarkt forcieren!
Den anderen, den faschistischen Weg, der als nationale Erwägung
gerade auf Renationalisierung setzt, hat man sich - gerade gegenwärtig
in Europa - geradezu verboten und tut deswegen auch alles dafür,
damit aus den Nadelstichen eines Haider gegen den Euro-Internationalismus
möglichst gar nicht erst eine größere antieuropäische
Bewegung wird. (vgl. Haider-Debatte) Eine Reduktion der Weltmarktaktivitäten
geht nicht, weil die konkurrierenden Gewinnansprüche von Staat
und Kapital nun einmal in der Welt sind. Die allgemeine Entwertung -
und darauf würde so etwas hinauslaufen - soll ja gerade vermieden
bzw. auf dem konkurrierenden Standort stattfinden.
Es nehmen denn auch alle kapitalistischen Staaten die Krise als den
nationalen Auftrag zu verschärfter Konkurrenz um die härteste
Währung gegeneinander wahr: Jetzt erst recht, lautet die Devise.
Und: Verluste durch Kurseinbrüche, Währungsniederlagen und
Firmenzusammenbrüche haben woanders, nämlich beim Konkurrenten,
stattzufinden!
b. Und in dieser Konkurrenz kommt auch der Nationalstaat
zu neuen Ehren. Denn die Währungshüter überlassen natürlich
nicht alles den Geldmärkten. Sie tragen selbst das Ihre dazu bei,
das die Geldmärkte eine Entscheidung treffen, die ihre Währung
begünstigt. Sie bemühen sich also als Nationalstaat darum,
daß angesichts der Geldkrise ihre Währung nachgefragt wird
und setzen darauf, daß die Geldmärkte das honorieren. Über
die Zurichtung ihres Nationalstaats nach innen wollen Politiker den
zuverlässigen nationalen Unterbau schaffen, von dem aus der Währungskrieg
mitten in der Krise fortgesetzt und gewonnen wird. Wie kann durch den
Umbau des Nationalstaats dafür gesorgt werden, wo der doch gerade
wegen seiner begrenzten Ressourcen die Einrichtung des Weltmarkts eingeleitet
hat? Anders gefragt, krisenmäßig gefragt:: Wie soll der Nationalstaat
hergeben, was der Weltmarkt so nicht mehr zu leisten imstande ist? Die
Frage ist berechtigt, kümmert aber die Regierenden wenig. Ihr Konzept
- das sie alle miteinander und hübsch gegeneinander einsetzen -
hört auf den bekannten Namen Standortpolitik. (Standortpolitik
II)
Die hat ihre Brutalitäten, was nicht verwundern darf bei dem Programm,
das mit ihr erledigt werden soll. Der Witz an der Standortpolitik ist
dabei folgender: Es geht darum, dafür zu sorgen, dass sich möglichst
viel Weltgeschäft auf dem eigenen Standort und nicht auf dem der
Konkurrenz konzentriert. Das ist der Punkt: Denn je attraktiver der
nationale Standort für Geld- und industrielle -Kapitalanleger im
Verhältnis zu anderen Standorten ist, desto mehr wird seine Währung
nachgefragt. Die Logik ist dabei sehr simpel: Ein Standort, der gute
Geschäfte ermöglicht, verfügt über gutes Geld -
denn in dem und vermittels dieses Geldes werden diese Geschäfte
gemacht. Was bedeutet, dass dem Hüter dieser Währung entsprechendes
Vertrauen entgegengebracht wird: Er setzt nicht nur massenhaft Geld
(-Zettel) in die Welt, schafft ausreichenden Kredit, sondern sorgt als
politisches Subjekt seiner nationalen Ökonomie dafür, dass
aus diesem Geld /Kredit ein Geschäft auf dem Weltmarkt wird - zu
dem es die geschäftstüchtigen Benutzer konkurrierender Standorte
nicht so bringen.
Das ist schon alles, aber das hat es in sich. Die Nation mit ihren Ressourcen
zum Kampfmittel gegen andere nationale Standorte aufzurüsten, bedeutet
alle vorhandenen Ressourcen bis aufs Letzte anzustrengen und als attraktive
Anlagebedingungen auszustaffieren. Dabei geht der Nationalstaat kritisch
mit sich selbst ins Gericht, wenn er hinsichtlich dieser Ressourcen
Bilanz zieht. Er entdeckt gerade bei der Betrachtung des Sozialstaats,
dass in der Lohnarbeiterklasse die Verschwendung Einzug gehalten hat
- obwohl jener Zustand angeblicher Überversorgung in den vergangenen
Jahrzehnten gerade dafür gesorgt hat, dass das nationale Kapital
auf eine in jeder Hinsicht brauchbare Arbeiterklasse zurückgreifen
und für Produktionsfortschritte einspannen konnte und worüber
es sich zum Exportweltmeister gemausert hat. (s. Standortpolitik I)
Dabei ist es kein Zufall, dass die Senkung des nationalen Lohnniveaus
bevorzugter Gegenstand der Standortkonkurrenz ist. In der Diagnose,
dass das fehlende Wachstum seinen Grund in den zu hohen Lohnkosten hat
- zu hoch im Vergleich zu den Löhnen in Mittelosteuropa, Asien
etc. -, sind sich seit geraumer Zeit Staat und Kapital sehr einig. (Befund:
"Alo, weil Arbeitsplätze zu teuer sind) Und so trifft es sich
gut, dass der Staat hinsichtlich des Preises der Arbeit mit seinem gesamten
Sozialsystem ein zuverlässiges Mittel zur Kostenentlastung in seinen
Händen hat. Alle Abhängigkeiten, in die die Arbeiterklasse
sozial eingebunden ist, lassen sich nun umgekehrt als Wege zur Senkung
der Kosten der Arbeit benutzen. (s. Sozialversicherungen, die zwecks
Entlastung von Lohnnebenkosten zunehmend "privatisiert" werden
; s. sonstige soziale Hilfen und natürlich auch Steuerreform usw.)[9]
c. Spiegelbildlich zur Entdeckung des verwöhnten
Arbeiters stellt der Staat heute selbstkritisch fest, dass er dem Kapital
in der Vergangenheit zu viele Vorschriften gemacht, zu viele Kosten
aufgebürdet und zu viele Steuern abgezogen hat - obwohl all dies
weder ein Wirtschaftswunder noch die Entwicklung der DM zur "Ankerwährung"
behindert hat. Heute wird der Standort deswegen mit Steuersenkung für
die Unternehmen der Welt attraktiv gemacht. Kein Wunder: Wenn es um
ihre Anlage geht, die als Beleg für die Güte der Währung
als Weltgeld gebraucht wird, dann verzichtet der Staat dafür schon
mal auf Steuereinnahmen von kapitalistischen Unternehmen. Die holt er
sich dann einerseits von den verbleibenden Verdienern - d.h. dann "Gegenfinanzierung",
wobei er sich nicht daran stört, dass er diese Klasse gerade mit
ihrem sozialstaatlich bestimmten Lohn bereits hinlänglich in die
Standortpflicht genommen hat. Aber andererseits setzt er gerade darauf,
dass er in der Standortkonkurrenz Punkte macht und so die Kreditwürdigkeit
seines Staatsgeldes stärkt. Das ist der Knackpunkt: Die Freiheit
beim Schuldenmachen will er erhalten oder zurückerobern! Dafür
macht er seinen Lieblingsbürgern auch schon mal Steuergeschenke.
(Von wegen "der Steuerstaat wird ausgehebelt" Hirsch/Negt...)
Die Zeiten, in denen Weltmarkterfolge gerade wegen der Steuern, die
damit ins Land fließen, gefeiert wurden, sind vorbei. Nicht dass
es auf die Steuereinnahmen nicht mehr ankäme. Doch sie interessieren
jetzt immer zusätzlich als Hinweis auf das gestärkte Vertrauen,
das DM/EURO genießen.
Zugleich radikalisiert der Nationalstaat seinen Anspruch gegenüber
der heimischen Geschäftswelt. Die neue "Großzügigkeit"
macht er davon abhängig, daß bei denen die Erfolgsperspektive
100%-ig stimmt. Die Zeiten, in denen Subventionen schon deswegen flossen,
weil es sich bei dem Betrieb um ein Stück des nationalen Kapital
handelte, sind vorbei. Zu dem hier ansässigen Kapital nimmt der
Standortverwalter deswegen auch einen radikaleren Standpunkt ein: Jedes
heimische Kapital wird daraufhin begutachtet, ob es auf dem Weltmarkt
- nach Größe und Produktivität - überhaupt bestehen
kann (s. DDR.Abbau). Daraufhin wird seine Förderungswürdigkeit
beurteilt - in der Regel wenigstens - und nicht mehr danach, ob es sich
um ein deutsches Kapital handelt. Nur ein Kapital, das dazu taugt, auf
dem Weltmarkt Wettbewerber aus dem Felde zu schlagen, hat im Inland
ein Recht auf Anlage und Förderung. Kurz: Kapitale sollen dazu
taugen, für die Stärkung von DM/EURO Gewinnquellen ins Land
zu bringen. Dabei ist es dem deutschen Nationalstaat egal, woher die
kapitalistischen Unternehmen kommen und unter welche Flagge die segeln.
Die Vaterlandslosigkeit des Kapitals, die ihm unter anderen Voraussetzungen
(Waren- und Kapitalexport) schon mal ein Dorn im Auge ist, kommt ihm
jetzt gerade recht. Die spricht er an: "Kommt her Kapitalisten
aller Anlegerstaaten, sagt Euch von Eurem bisherigen "Vaterland"
los und nutzt die Sonderbedingungen meines Standorts!"
d. Deswegen buchstabiert sich auch nationales, also
z.B. deutsches Kapital neu. Ohnehin tut sich der Betrachter von Multis
bzw. Aktienkapitalen schwer, der sie Heimatstaaten zuordnen möchte,
wo Aktienbesitz in Händen von Geldanlegern der ganzen Welt ist
(z.B. der deutsche Konzern Mannesmann befand sich vor der Fusion zu
ca. 75% in ausländischer Hand.) und Multis kein Problem damit haben,
mit ihrem Kapital die jeweiligen relativen Vorteile verschiedener Standorte
für sich zu nutzen. Ist nun Daimler-Chrysler ein deutsches oder
Ami-Kapital? Falsche Frage, altes Denken: Es handelt sich eben um einen
Multi, der Teile seines Kapitals immer dort anlegt, wo es nach allen
Bedingungen seiner Kalkulation (Löhne, Steuern, Markt, Währung,
Zulieferung, Umweltauflagen etc.) am lohnendsten ist. Deswegen sehen
das auch die imperialistischen Nationalstaaten anders: Unter nationales
Kapital fällt nicht etwa jenes Kapital, das einen langen deutschen
Stammbaum oder einen guten deutschen Namen aufweist, also genuin zum
deutschen Kapital gehört, sondern nationales Kapital ist alles,
was sich auf dem hiesigen Standort anlegt und ihn als einen ausweist,
dessen Verwalter gutes Geld in die Welt setzt.[10]
So sieht der deutsche Staat in Daimler-Chrysler ein Kapital, das auch
den hiesigen Standort nutzt und seine Währung stützt. Dass
Daimler in Deutschland und in den USA Steuern zahlt, Arbeitsplätze
schafft, Nachfrage stiftet und Zulieferkapital fördert, geht für
beide Nationalstaaten in Ordnung - solange wenigstens, wie beide Staaten
davon profitieren. Denn natürlich werden die diversen Anlage-Staaten
nicht darüber zu Freunden, dass sie Teile vom selben Kapital beherbergen.
Die Konkurrenz zwischen ihnen wird dadurch nicht ausgehebelt - weswegen
auch die Frage, welcher Nationalstaat zur Konzernspitze den besten Draht
hat, nicht ganz unwichtig ist. Da (Krisen-) Konkurrenz herrscht, stellt
sich immer die Frage, auf welchem Standort ein Multi Werke dicht macht,
Leute entläßt usw.
So wie die Standort-Vaterländer ganz auf die Mobilität der
"vaterlandslosen" Multis setzt, ist umgekehrt die Welt konkurrierender
Staaten ganz dem Standortvergleich der Multis ausgesetzt. (Was übrigens
tatsächlich für kleinere Staaten bedeutet, dass sie hinsichtlich
ihrer nationalen Ökonomie und ihres Haushalts vollständig
in den Händen von Multis sind - keine Frage!) Was die Standorte
wollen, nämlich Kapital zu attrahieren, das löst ein munteres
Vergleichen - anlegen und ablegen - bei den Konzernen aus. Und dass
dabei Sonderangebote ausgehandelt und Erpressungen versucht werden,
versteht sich von selbst. Schon wieder so ein Sachzwang, dem der Staat
unterliegt, weil er seine Währung als Weltgeld etablieren will
und davon auch in der allgemeinen Krise des Weltmarkts nicht lassen
mag. Es gilt also nach wie vor, dass der Staatsreichtum, jetzt in Gestalt
der stabilen Währung, auf dem Geschäft von Kapitalisten basiert;
aber eben nicht mehr nur auf dem auswärtigen Geschäft heimischer
Kapitalisten, sondern auf dem all jener Multis, die in und mit der nationalen
Währung ihren Profit machen. So gesehen hängt die Geltung
der Währung von der Entscheidung der Geschäftemacher aller
Welt für oder gegen sie ab. Es hängt an diesen Entscheidungen
der Geldanleger der ganzen Welt die Wucht des Staatsreichtums überhaupt:
nicht mehr oder weniger Einnahmen eines Staates, sondern die Qualität
der Einnahmefreiheit des Staates überhaupt. [11]
(Standortpolitik II: Nach außen vgl. WTO, IWF, G7, EU und NAFTA
etc.)
Schluß:
Natürlich soll man tatsächliche Sachzwänge imperialistischen
Staaten nicht bestreiten. Die gibt es, die sind ihr Werk und mit denen
gehen die Staaten in ihrer Konkurrenz um. Man soll sich aber auf der
anderen Seite davor hüten, das Sachzwang-Gerede der Globalisierungsdebatte
mit diesen objektiven Abhängigkeiten, die mit dem Weltmarkt eingerichtet
sind, zu verwechseln. Die Beschwörung von Sachzwängen durch
die Politik zeugt genau genommen vom glatten Gegenteil. Mit ihr will
der Staat die Programme der Standortpolitik, die er dem Volk in seiner
ganzen Machtvollkommenheit verordnet, zu Notwendigkeiten erklären.
Wenn also die imperialistische Siegerstaaten dem Volk mit Sachzwängen
("Herausforderung der Globalisierung") kommen, dann leiden
sie nicht an irgendeinem Machtverlust. Dann gehen sie bereits davon
aus, dass sie die Mittel ganz frei zu ihrer Verfügung haben, um
andere - wen wohl? - ausbaden zu lassen, was ihnen in ihrem geldnationalistischen
Konkurrenzfanatismus so alles einfällt.
Was dann mal wieder die Vollstreckung einer marxistischen Wahrheit ist:
Der Reichtum der Nationen basiert darauf, dass die Leute von dem Reichtum,
den sie produzieren, möglichst wenig haben. Oder anders gesagt:
Die Leute werden für die Stärkung der DM dadurch in die Pflicht
genommen, dass sie von ihr immer weniger in der Tasche haben.
Anmerkung: Das Manuskript ist im Original mit
gleichem Titel unter www.fhuisken.de
einsehbar