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Hintergründe der Krise des Sozialstaats
Prof.
Dr. Dieter Eißel, JLU Gießen
These 1: Die öffentlich vorgetragenen Behauptungen,
der Sozialstaat sei in die Krise geraten, weil:
-
nicht mehr genügend Geld zum Verteilen vorhanden sei
-
der Konkurrenzkampf in der Globalisierung eine Absenkung der zu teuren
Leistungen erzwinge
-
die alternde Gesellschaft unbezahlbare Kosten verursache
sind
nicht haltbar!
These 2: Der Sozialstaat ist in die Krise geraten,
weil mit dem Ende der Wachstumsgesellschaft die Massenarbeitslosigkeit
stieg
Die Zeit ab 1974 bringt mit vielen strukturellen Umbrüchen in der
Wirtschaft auch einen Abbau des Sozialstaats. Auf Grund weltweit nachlassender
Konjunktur und Sättigungstendenzen bei einzelnen Verbrauchsgütern
und auf Grund fortschreitender Rationalisierung von Warenfertigung und
Dienstleistung überschreitet die Zahl der Arbeitslosen 1975 die Millionengrenze,
1983 die Zweimillionengrenze, 1993 die drei Millionengrenze und erreicht
gegenwärtig ein Ausmaß von über 4 Mill., die bei den Arbeitsämtern
registriert sind. Schon dadurch entstanden zusätzlich staatliche
Einnahmeausfälle (Steuern und Sozialabgaben) und wachsende Sozialleistungen
(Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe) in hohem Umfang. 2002
wurden 81,7 Mrd. DM (bzw. 41,8 Mrd €) allein an Arbeitslosengeld
und an Arbeitslosenhilfe gezahlt; 1980 waren es zusammen rund 10 Mrd.
DM. Für aktive Arbeitsmarktpolitik entstanden 2002 Kosten von 43,8
Mrd. DM (22,4 Mrd. €); 1980 waren es 6,8 Mrd. DM. Im Jahr 2002 waren
damit allein diese Kosten der Arbeitslosigkeit um über 100 Mrd. DM
gestiegen. Zählt man die gesamten fiskalischen Kosten der Arbeitslosigkeit
zusammen, dann kommt man gegenwärtig auf über 75 Mrd. €
(150 Mrd. DM) pro Jahr.

Angesichts
stagnierender oder sogar rückläufiger Steuerquoten, hat sich
der Abgabendruck bei den Sozialabgaben erhöht. Die gestiegenen Belastungen
müssen dabei von einer kleiner werdende Zahl der Beschäftigten
in sozialversicherungs- und steuerpflichtigen Normalarbeitsverhältnisse
getragen werden. Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse
tragen dazu bei, dass sich schon heute eine wachsende Gruppe von Erwerbstätigen
teilweise oder ganz von den Sozialabgaben befreien kann. Unter dem Strich
trägt folglich eine schwindende Gruppe von Erwerbstätigen die
Sozialabgabenlast von zur Zeit rund ein Drittel des BIP in Deutschland.
These
3: Der Sozialstaat geriet in die Finanzkrise, weil die Regierungen auf
eine angemessenen Besteuerung der Wohlhabenden und Verbreiterung der Sozialpflicht
verzichteten und damit nicht nur die Kluft zwischen Reich und Arm vergrößerten,
sondern auch konjunkturpolitisch falsche Weichen stellten.
Die Regierungen
reagierten auf diese prekäre Finanzlage des Sozialstaats nicht mit
einer Verbreiterung der Sozialversicherungspflicht und/oder mit einer
angemessenen Steuerbelastung, sondern im Gegenteil mit weiteren Steuersenkungen
– insbesondere zugunsten des Kapitals.
Dieser so verringerte Handlungsspielraum des Sozialstaates wurde z.T.
durch eine wachsende Verschuldung kompensiert. Das Anwachsen der Verschuldung
ab 1990 steht dabei selbstverständlich auch im Zusammenhang mit den
durch die Wiedervereinigung bedingten Kosten. Die Regierungen versuchten
überdies, durch Kürzungen der Sozialleistungen und Privatisierung
sozialer Risiken Handlungsspielraum zurückzugewinnen.
Es sind folglich vor allem die Kosten der Massenarbeitslosigkeit, sicherlich
aber auch Kostenentwicklungen im Kranken- und Rentenbereich, die dazu
führten, dass die Sozialabgaben pro beschäftigten Arbeitnehmer
von 2.615 (1975) auf 8 312 DM (2002) stiegen. Generell hatten jedoch auch
die Lohnsteuern eine größere Dynamik als die Bruttolöhne.
Wie sich die Abgabenlast auf die durchschnittlichen Abzüge der Lohn-
und Gehaltsentwicklung auswirkte, zeigt das folgende Übersicht:


Auf Grund
der angebotstheoretischen Orientierung, die in der Gewinnstärkung
die Voraussetzung für Arbeitsplatzsicherheit sieht, verzichtete der
Staat auf eine angemessene Besteuerung der Wohlhabenden und Unternehmen
und geriet u.a. dadurch in eine schwierige Finanzlage, ohne allerdings
dadurch die versprochenen privaten Investitionen anzuregen. Angesichts
der Begrenzung der Verschuldungsspielräume durch die Konvergenzkriterien
der Wirtschafts- und Währungsunion der EU versucht der Staat daher
eine Konsolidierung der Finanzen durch Ausgabenkürzungen zu erreichen.
Diese betreffen insbesondere den Sozialbereich, also die ohnehin Schwachen
der Gesellschaft, obwohl es überwiegend die Arbeitnehmer sind, die
den Staat alimentieren.
Die Wohlhabenden und Unternehmen, insbes. die Kapitalgesellschaften, konnten
sich mit Unterstützung der Steuerpolitik nahezu aus der Finanzierung
staatlicher Aufgaben verabschieden: So trugen die beiden wichtigsten Unternehmenssteuern
(Körperschaftsteuer für Kapitalgesellschaften und die veranlagte
Einkommensteuer für Personengesellschaften) noch 1983, also zu Beginn
der Regierung Kohl, noch 13,3% der Gesamtsteuerlast; am Ende der Amtszeiten
Kohls 1998 war dieser Anteil bereits auf 6,7% zusammengeschmolzen und
nach vier Jahren rot-grüner Regierung lag der Anteil nur noch bei
4,3%. Die Steuerlast blieb überwiegend an den Arbeitnehmern und KonsumentInnen
hängen. So haben die Lohnsteuer - die z.Z. über ein Drittel
des gesamten Steueraufkommen ausmacht – und die Umsatzsteuern zu
85% am Zuwachs der Steuereinnahmen von 2002 im Vergleich zur 1990 beteiligt
waren, verkamen die Körperschaftssteuer und die veranlagte Einkommensteuer
zu Bagatellsteuern. Vermögenssteuern werden seit 1996 nicht mehr
gezahlt.

Hinsichtlich
der immer noch über die Steuerlast klagenden Unternehmen, konnte
es sich sogar der Chefkommentator des Handelblattes Hans Mundorf nicht
verkneifen zu sagen: „Die Steuerlast, über die die deutsche
Wirtschaft immer noch klagt, ist eher ein Phantomschmerz“.
Der Sozialstaat ist in die Krise geraten, obwohl abstrakt
betrachtet, ein ausreichender Verteilungsspielraum durch ein real wachsendes
Sozialprodukt zur Verfügung stand. In Deutschland gab es 2002 ein
BIP (in Preisen von 1995) von 1 977 Mrd. Euro (3 866 Mrd. DM) und damit
allein im letzten Jahr real 254 Mrd. € (497 Mrd. DM) mehr als 1991,
die für eine zusätzliche Verteilung zur Verfügung gestanden
haben.
Dieser zusätzliche Reichtum wurde jedoch einseitig
verteilt. Die Arbeitnehmer konnten allerdings im Durchschnitt hiervon
ebenso wenig profitieren wie diejenigen, die auf Sozialtransfers angewiesen
sind. Auch die öffentlichen Haushalte von Bund, Länder und Gemeinden
gerieten in eine massive Finanzkrise. Öffentliche Infrastruktur verrottete,
Bildungsausgaben blieben auf der Strecke. Stattdessen stiegen die Gewinne,
massiv unterstützt durch Steuerentlastungen.
Angesichts des neoliberalen Gegenwinds in der Öffentlichkeit und
der Schwächung durch die Massenarbeitslosigkeit konnten sich die
Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften schon in der ersten Verteilungsrunde
durch die Tarifpolitik nicht angemessen am von ihnen geschaffenen Wohlstand
beteiligen. Die Lohnquote, also der Anteil am Volkseinkommen ging zurück:
1975 umfasste sie noch einen 75%-Anteil, zehn Jahre später noch 70,7%
und 1990 67,7%. Im vereinigten Deutschland fiel die Quote von 1991 mit
68,5% bis 2000 auf 66,9%.
Die Schere zwischen Arm und Reich vergrößerte
sich. Auch der „Erste Armuts- und Reichtumsbericht“ der Bundesregierung
2001 stellt fest: „Die Bestandsaufnahme und Analyse der Entwicklung
in Deutschland bis 1998 macht in fast allen Lebensbereichen deutlich,
dass soziale Ausgrenzung zugenommen und Verteilungsgerechtigkeit abgenommen
hat“ (Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg.):
Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der
Bundesregierung, Bonn 2001, Lebenslage... S. XV).
Entsprechend den Ergebnissen der letzten Einkommens- und Verbrauchsstichprobe
von 1998 war jeder achte Haushalt (12,7%) von Armut bedroht, weil er über
weniger als das durchschnittliche Einkommen von 5.020 DM verfügte.
Besonders von Armut betroffen sind Alleinerziehende (34,6%) (BMFSFJ 2002:
220) und Arbeitslose.
[http://www.bmgs.bund.de/de/sicherung/armutsbericht/ARBBericht01.pdf]
Der Staat hat mit seiner Umverteilungspolitik im Gegensatz zu der Programmatik
des sozialen Marktwirtschaft keinen anschließenden Ausgleich geschaffen,
sondern im Gegenteil mit seiner Umverteilungspolitik die Schere zwischen
Arm und Reich vergrößert. Wachsender Reichtum in den Händen
Weniger fällt mit wachsender Not und Armut im unteren Einkommensbereich
zusammen. Betrachtet man die Einkommensverteilung nach sozio-ökonomischen
Haushaltsgruppen ergibt sich, dass diejenigen, die bereits auf dem Markt
über eine größere Verhandlungsposition verfügen,
auch das höchste Einkommen erzielen konnten, während in den
unteren Einkommensgruppen nach Angaben der Einkommens- und Verbrauchstichprobe
(EVS) 1998 die Verschuldung wuchs.
Dass in Deutschland eine hohe Konzentration an Vermögen
existiert, ist aufgrund der offiziellen Statistiken kaum nachzuweisen;
so endet z.B. die EVS (1998) bei einem Monatseinkommen von über 35.000
DM pro Monat. Wir sind daher auf private Recherchen angewiesen. Genauere
Angaben über die Vermögensmillionäre wurden vor kurzem
von einer privaten Finanzierungsgesellschaft (Merrill Lynch und Cap Gemini
Ernst & Young) in einem „German Wealth Report 2000“ publiziert.
Der Bericht enthält wichtige Informationen über die Wohlhabenden
in Deutschland (www.de.cgey.com/servlet/GB/menu/1000941). Seit über
15 Jahren beobachtet diese Finanzgesellschaft das Segment der Reichen
und Superreichen. Ihre detaillierte Publikation im Jahr 2000 zeigt, dass
immer mehr Deutsche Euro-Millionäre wurden. Deren Zahl ist
von 1996 bis 1999 um jährlich 5,3 Prozent auf insgesamt 365.000 gestiegen.
Ihr Geldvermögen stieg in diesem Zeitraum jährlich um zehn Prozent
auf ein Gesamtvermögen von 2.000 Milliarden Euro. Insgesamt 25,7
Prozent des gesamtdeutschen Vermögens werden von nur 0,5 Prozent
der erwachsenen deutschen Bevölkerung gehalten. 3.700 Superreiche
mit mehr als 30 Millionen Euro an Privatvermögen besaßen insgesamt
612 Mrd. Euro. Die Anzahl wohlhabender Privatkunden (High Net Worth Individuals/
HNWIs) in Deutschland – Privatanleger mit einem Finanzvermögen
von jeweils mehr als einer Million US-Dollar (950.000 Euro) ohne Berücksichtigung
von Immobilienbesitz –ist bis Ende 2002 sogar auf 755.000 (2001:
730.000) gestiegen. Dies geht aus dem von Cap Gemini Ernst & Young
und Merrill Lynch im Juni 2002 veröffentlichten „World Wealth
Report 2003“, dem siebten Jahresbericht zu diesem Themenkomplex,
hervor [http://www.de.cgey.com/servlet/PB /menu/1006262/index.html].
Der „Spiegel“ kommentierte die letzte Veröffentlichung
unter dem Titel: „Trotz Krise Immer mehr Millionäre“.
Die Wirtschaftskrise kann den Reichen und Superreichen nichts anhaben.
Einer aktuellen Studie zufolge steigt ihr Vermögen weiter an, immer
mehr Menschen dürfen sich Millionär nennen. (SPIEGEL ONLINE
- 11. Juni 2003; http://www.spiegel.de/wirtschaft/ 0,1518,252498,00.html)
In der Panorama-Sendung vom 12.6.2003 wurden die Entwicklungen der Vorstandsgehälter
aufs Korn genommen, die oft in einem krassen Verhältnis zum ökonomischen
Erfolg der Firmen stehen: Dort hieß es: „Ob die T-Aktie 80
Prozent an Wert verliert, ob bei der Deutschen Bank 14.000 Stellen abgebaut
werden - eins bleibt konstant: die Vorstandsgehälter steigen und
steigen. Zwischen 1997 und heute – Deutsche Bank plus 458 Prozent,
Deutsche Telekom plus 52 Prozent, Hypo Vereinsbank plus 155 Prozent, DaimlerChrysler
plus 283 Prozent, e.on plus 192 Prozent, Siemens plus 156 Prozent, Allianz
plus 119 Prozent.
Im Ergebnis war die staatlich inszenierte Umverteilung zugunsten der Wohlhabenden
ein konjunkturpolitischer Flop. Der Verzicht auf die weitere Erhebung
der Vermögensteuer, die mehrfache Absenkung des Spitzensatzes bei
der Einkommensteuer und die Reduzierung der Körperschaftssteuer u.ä.m.
haben sich nicht wie versprochen ausgezahlt, zumindest nicht für
die Arbeitnehmer.
Nach
oben
These
4: Der Sozialstaat ist zusätzlich in die Krise geraten, weil die
Mehrheit in Politik und Wissenschaft einer marktdogmatischen Ideologie
folgt und allein in einer Verbesserung der Gewinne (Angebotsbedingungen)
einen Ausweg aus der Krise sieht.
Die sozialen
Verpflichtungen eines marktwirtschaftlichen Systems, die zumindest den
Begründern des Konzepts der sozialen Marktwirtschaft wie vor allem
Müller-Armack unverzichtbar erschienen, um die Arbeiterbewegung in
das kapitalistische System zu integrieren und eine durch den Markt verursachte
Ungleichheit abzubauen, sind nach dem inzwischen vorherrschenden marktdogmatischen
Konzept passé. Es ist daher kein Zufall, dass radikale Neoliberale
wie Hayek und Milton Friedman Konjunktur haben. Bereits 1944 warnte Friedrich
August von Hayek (1899-1992) in seinem Werk „Der Weg zur Knechtschaft“
vor einer Umverteilung des Sozialprodukts im Namen der Gleichheit. In
einem Interview mit der Wirtschaftswoche wurde er zu Beginn der konservativen
Wende der Ära Reagan/Thatcher/Kohl 1981 (Wiederabdruck 1996) noch
deutlicher: „Ungleichheit ist nicht bedauerlich, sondern höchst
erfreulich. (...) Diejenigen, die die Reichen attackieren, vergessen,
dass die meisten von ihnen im Verlaufe ihres Reichwerdens Arbeitsplätze
schufen und so mehr Leuten geholfen haben, als wenn sie ihr Geld den Armen
gegeben hätten“ (von Hayek in: Wirtschaftswoche Nr.3 vom
11.1.1996: 16 f). Unterstützt wird eine solche Position mit Hinweisen
auf die angeblichen Bedrohung durch die zunehmende Globalisierung für
den Standort Deutschland und durch eine Erosion solidarischer Beziehungen
im Zeichen der „Individualisierung“. Die mehr und mehr um
sich greifende marktradiale Einstellung, die auch vor der SPD und den
Gewerkschaften nicht halt machte, sondern zumindest zur Verunsicherung
beitrug, favorisiert Ungleichheit und den Rückzug des Sozialstaats.
Historisch begann die Durchsetzung der radikalen Marktorthodoxie etwa
Mitte der siebziger Jahre als in nahezu allen Industriestaaten das Ende
einer langen Wachstumsphase sichtbar wurde, die unter dem Begriff Fordismus
die Nachkriegszeit geprägt hat. Der Fordismus hatte, basierend auf
Fließbandtechnologie, zu einer Massenfertigung von große Serien
an Gütern geführt. Die hohe Produktivität hatte dabei zugleich
die ökonomischen Voraussetzungen geschaffen, die Löhne (und
damit auch die Massennachfrage) zu erhöhen und die Beschäftigung
auszudehnen. Die hohen Wachstumsraten der Nachkriegszeit erlaubten auch
den Industriestaaten durch komfortable Einnahmen und schwindenden Kosten
durch abnehmende Arbeitslosigkeit einen Ausbau sozialstaatlicher Leistungen
(in Deutschland z.B. Rentendynamisierung 1957). Die Wirtschaftspolitik
ging in dieser Phase im Sinne des Keynesianismus zudem die Verpflichtung
zur Staatsintervention ein und beschloss z.B. durch das Wachstums- und
Stabilitätsgesetz von 1967 in Deutschland eine antizyklische Finanzpolitik,
die zugleich Preisstabilität, einen hohen Beschäftigungsstand
und außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem Wachstum zum
Ziel hatte.
Das deutsche Modells des "Rheinischen Kapitalismus" bzw. der
sozialen Marktwirtschaft, hat nach verbreiteter Meinung mit zum ökonomischen
und sozialen Erfolg des westdeutschen Teilstaats nach dem zweiten Weltkrieg
beigetragen. Walter Eucken, einer der führenden theoretischen Wegbereiter
des Konzepts, hatte schon zuvor vor ökonomisch negativen Folgen von
zuviel Ungleichheit gewarnt: „Die Ungleichheit der Einkommen führt
dahin, dass die Produktion von Luxusprodukten bereits erfolgt, wenn dringende
Bedürfnisse von Haushalten mit geringem Einkommen noch Befriedigung
verlangen“ (Eucken 1959: 300). Müller-Armack, der den Begriff
„soziale Marktwirtschaft“ prägte und im Wirtschaftsministerium
unter Lud-wig Erhard Staatssekretär war, hielt Umverteilung durch
steuerliche Belastung der Wohlhabenden sogar für marktkonform. Entscheidend
ging es ihm jedoch um den sozialen Frieden und die Sicherung des marktwirtschaftliche
Systems in einer Zeit, in der sozialistische Alternativen von großen
Teilen der SPD und Gewerkschaften für notwendig erachtet wurden.
Ein sozialer Ausgleich sollte daher den gesellschaftlichen Zusammenhalt
und den sozialen Frieden einer Gesellschaft gegen Systemveränderungen
sichern. Sicherlich hielt Müller-Armack die Marktwirtschaft wegen
ihrer größeren „wirtschaftlichen Ergiebigkeit“
an sich schon für einen sozialpolitischen Gewinn, sah aber einen
notwendigen Handlungsbedarf bei wachsender Ungleichheit. „Ohne Zweifel
führt die marktwirtschaftliche Einkommensbildung zu Einkommensverschiedenheiten,
die uns sozial unerwünscht erscheinen“ (Müller-Armack
1947: 109).
Diese breite gesellschaftliche Orientierung an der Verpflichtung zum sozialen
Ausgleich ändert sich etwa ab Mitte der siebziger Jahre, als die
(Welt-)Wirtschaft mit vielen strukturellen Umbrüchen konfrontiert
wurde, auf welche die Unternehmen und die Mehrheit der Industriestaaten
mit einem Kurswechsel der Politik reagierten: Angesichts wachsender Verschuldung
infolge des Vietnamkrieges und angesichts einer inzwischen, d.h. in der
Nachkriegszeit relativ gesunkenen wirtschaftlichen Vormachtstellung, geben
die USA zu Anfang der 70’er Jahre die feste Bindung ihrer Dollar-Währung
an Goldstandards auf. Das Ende fester Wechselkurse (Bretton-Woods-System
von 1944) leitet damit eine Liberalisierung bzw. Deregulierung ein, die
zunächst der Währungen erfasst, deren Kurse jetzt nicht mehr
durch die Regierungen bzw. Zentralbanken festgelegt, sondern am Markt
gebildet werden. Insbesondere für die international operierenden
Unternehmen entstehen dadurch neue (Wechselkurs-)Risiken, die sie durch
neue Finanzinstrumente absichern. Mit der Deregulierung der Finanzmärkte
eröffnet sich zugleich eine neue Phase der Globalisierung mit einer
brisanten Mobilität weltweiter Finanzspekulationen vor allem großer
Kapitalgesellschaften, die ganze Nationen unter Druck setzen..
Zur gleichen Zeit entstehen zusätzliche Risiken für die Kapitalverwertung,
die noch viel stärkeres Gewicht haben: Weltweit sind in vielen Marktsegmenten
Sättigungstendenzen spürbar, die Wachstumsraten in nahezu allen
Industrieländern gehen zurück. Verschärft wird diese relativ
verlangsamte Konsumentwicklung durch den „Ölpreisschock“
von 1973, denn die verteuerte Energiekosten absorbieren Kaufkraft, die
für die Nachfrage nach anderen Waren und Dienstleistungen fehlt.
Die Unternehmen reagieren darauf, indem sie versuchen, Gewinne auf der
Basis kleinerer Serien und flexiblem Produktwandel zu sichern. Besonders
in der Automobilindustrie wurde dadurch ein Wettbewerb in Gang gesetzt,
der unter dem Stichwort Toyotismus und lean production bekannt wurde.
Die neue Form der Produktivitäts- und Gewinnsicherung geht bei niedrigen
Wachstumsraten mit steigender Arbeitslosigkeit einher, die sich sogar
mehr und mehr vom Wirtschaftswachstum entkoppelt. Unter diesen Bedingungen
kann sich die Kapitalseite in wachsendem Umfang damit durchsetzen, (keynesianische)
Nachfragetheorie durch neoliberale Angebotstheorie zu ersetzen und Druck
auf die Arbeits-, Sozialkosten und auf die Steuerbelastung auszuüben.
Dies führt zwar einzelbetrieblich kalkulatorisch zur Verbesserung
der Gewinnmargen, aber nur dann, wenn Absatzchancen bestehen bleiben.
Diese sind jedoch der eigentliche Engpass der konjunkturellen Erholung,
weshalb auch die Pleiten zunehmen.
Die nachlassende Konjunktur hatte auch Auswirkungen auf die Einnahmen
der öffentlichen Haushalte, die nicht nur durch sinkende Steuereinnahmen,
sondern zugleich durch steigende Kosten der Arbeitslosigkeit in Schwierigkeiten
geraten. Wegen der enger werdenden staatlichen Finanzspielräume leitet
der SPD-Kanzler Schmidt bereits 1974 unter dem Stichwort „Ende der
Reformen“ eine Wende ein. Die darauf folgende „Ära Kohl“
von 1983 bis 1998 steht dann ganz im Zeichen einer Angebotstheorie: der
Neoliberalismus wird nicht nur in der US-amerikanischen Präsidentschaft
Reagans und in der britischen Regierung Thatchers, sondern auch in Deutschland
zu herrschenden Handlungsideologie. Löhne, Steuern und Sozialabgaben
und damit auch der (regulierende) Sozialstaat werden als Kostenfaktoren
gebrandmarkt, welche die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen
angeblich behindern (Eißel 2002: 118 ff). Diese Strategie erhält
durch die in den neunziger Jahren einsetzende verstärkte Beachtung
globaler Prozesse nochmals einen neoliberalen Schub. Unter der einseitig
(nega-tiv) geführten Standortdebatte geraten alle öffentlichen
Interventionen und vor allem der Sozialstaat in die Kritik. Die Losungen
heißen Privatisierung und Deregulierung. Weltweit sind insbesondere
die World Trade Organisation (WTO), die Weltbank und der Internationale
Währungsfond und die OECD an der globalen Deregulierung beteiligt.
Diese politischen Institutionen schufen ohne hinreichendes demokratisches
Mandat letztlich auch die Rahmenbedingungen, die aus den multinationalen
Konzernen transnational operierende machte und nach dem Zusammenbruch
der sozialistischen Staatenwelt ihre Vorstellungen wirklich global durchsetzten.
Die Entwicklung vom Sozial- zum „Kapitalstaat“ (Gorz 2000)
ist daher auch kein „Naturereignis“ in der Globalisierung,
sondern politisch inszeniert.
These
5: Die herrschenden Strategien zur neoliberalen Bewältigung der Sozialstaatskrise
argumentieren mit dem Bild der Gefährdungen des zu "teueren"
Standortes Deutschland in der Globalisierung.

Zunächst
einmal sollte festgehalten werden, dass die Globalisierung keine naturgesetzliche
Entwicklung ist. Sie wurde im wesentlichen durch politische Vorarbeiten
vorangetrieben, denn es waren die Weltbank, IWF, WTO, OECD, die als suprastaatliche
Organisationen die Liberalisierung und Deregulierung der Märkte durchsetzten,
die es erst den Multis erlaubte, global players als TNC zu werden. Wir
können die Globalisierung daher auch anders gestalten und sie zugunsten
einer Politik der Solidarität und öffentlichen Garantie von
Sozialstandards - wie z.B. Sicherung gewerkschaftlicher Rechte, Verbot
von Kinderarbeit, Antidiskriminierung bestimmter Gruppen u.ä. - nutzen.
Zweitens ist festzuhalten, dass - zumindest bisher - Deutschland Gewinner
in der neuen Phase der Globalisierung war. Dies zeigt sich u. a. an der
Erfolgsstory unserer beachtlich wachsenden Handelsbilanzen in den letzten
Jahre: Sie verdeutlichen, dass Deutschlands Industrie nicht so gefährdet
sein kann, wie häufig unterstellt wird.
Drittens ist auch unwahr, dass die zu hohen Löhne, zuviel Sozialstaat
und die zu hohe Steuerbelastung Arbeitsplätze in Deutschland gefährden.
Sicherlich stimmt es, dass die westdeutschen Löhne Spitzenniveau
haben und ein verschärfter Wettbewerbsdruck nicht von der Hand zu
weisen ist. Allerdings gilt dies auch für die Produktivität
Westdeutschlands.
Betrachtet man beide Daten im Zusammenhang, also die Lohnstückkosten,
dann ergibt sich, dass die Entwicklung des westdeutschen Lohnniveaus durchweg
stärker an die Produktivitätsentwicklung angepasst war als bei
den meisten Handelspartnern. Von den Lohnkosten, die auch im Durchschnitt
nur 20% der betrieblichen Kosten ausmachen, ging also keine Verschlechterungen
der deutschen Wettbewerbssituation in der globalen Wirtschaft aus.
Im Gegenteil gilt, dass in den letzten Jahren in Deutschland der sog.
neutrale Verteilungsspielraum, der sich durch die Inflations- und Produktivitätsentwicklung
ergibt, durch die Lohnpolitik gar nicht ausgeschöpft wurde, was nicht
nur zu Einkommenseinbußen führte, sondern auch die Massennachfrage
strangulierte. Die Lohnzurückhaltung hat den Gewerkschaften nichts
genützt. Ihre tarifpolitischen Vorleistungen zur Sicherung der Arbeitsplätze
ist nicht durch einen entsprechenden Anstieg der Beschäftigung belohnt
worden.

Es ist also
auch hier Zeit zur Umkehr in Richtung einer nachhaltigen Erhöhung
der Löhne, die sozial verträglicher ist und konjunkturpolitisch
effektiver als die angebotstheoretische Strategie der Umverteilung von
unten nach oben. Ein weiterer Versuch, um Druck auf Löhne und Sozialleistungen
auszuüben, ist die These von der Kapitalflucht ins billigere Ausland.
Sicherlich gibt es, erleichtert durch die Liberalisierung des Welthandels,
Verlagerungen deutscher Unternehmen über die Grenzen. Dennoch ist
die behauptete „Kapitalflucht“ deutscher Unternehmen in Niedriglohnländer
und Steueroasen, die von den angeblich zu hohen Lohn- und Steuerbelastungen
ausgelöst würde, eine nicht haltbare Übertreibung.
Generell übersehen diese Kassandrarufe zunächst, dass für
einen erheblichen Teil des internationalen mobilen Kapitals gar kein Interesse
an Realinvestitionen - also an produktiven, Arbeitsplatz sichernden Investitionen
- besteht. Sie interessieren sich eher für spekulative Anlagen im
Kasinokapitalismus, die höhere Renditen versprechen als Investitionen
in Arbeitsplätze.
Auch Deutschland
ist nicht so sehr als Produktionsstandort gefragt, sondern als Anlageplatz
für Wertpapiere. Der deutsche Geldmarkt ist für Ausländer
wesentlich attraktiver als Direktinvestitionen in Realkapital. Zweitens
erfolgen Direktinvestitionen hauptsächlich aus Gründen der Absatzsicherung.
Sie gehen daher überwiegend in Märkte mit hoher und wachsender
Kaufkraft. Dies erklärt auch, so die Deutschen Bundesbank, weshalb
rund 80% der deutschen Direktinvestitionen in die übrige EU und in
die USA flossen und nicht in Niedriglohnländer, wie etwa Russland.
Nicht zuletzt zeigt ein realistisches Bild unserer Handelsbeziehungen
z.B. mit den vormals sozialistischen Ländern, dass die Bilanz für
Deutschland durchweg positiv war, wir also regelmäßig mehr
exportiert als importiert haben. Die Versuche, die Öffentlichkeit
mit dramatischen Darstellungen von Betriebsverlagerungen ins Ausland zu
verunsichern, sind folglich nicht haltbar und verbergen eher das dahinterstehende
Interesse an einer Fortsetzung der Verteilung zugunsten der Kapitalseite.
Wir sollten daher auch nicht zulassen, dass die Globalisierungs- und Standortdebatte
zum Anlass genommen wird, um weiter Druck auf die Löhne auszuüben,
noch mehr Steuernachlässe zu beanspruchen und den Sozialstaat zu
demontieren. Die fortschreitende Schieflage der Verteilung, ablesbar u.a.
an einer sinkenden Lohnquote, stellt nicht nur eine Gefährdung des
soziale Friedens dar, sondern ist auch konjunkturpolitisch ineffektiv.
Statt offiziell versprochener Investitionen in Arbeitsplätze werden
wir daher mit einem weiteren Abbau rechnen müssen. Diese Strategie
ist prekär: Erstens wird übersehen, dass die soziale Sicherung
wichtige gesellschaftliche Rahmenbedingungen schafft, die eine hohe Produktivität
erlauben (insbes. durch Bildung) und auch Identifikation und Motivation
freisetzen. Zweitens ist die propagierte Privatisierung der Risiken und
die Botschaft "Markt statt Staat" keineswegs billiger. Schon,
um die Gefahr einer riskanten Anlagepolitik der privaten Rentenfonds im
Interesse der privaten Vorsorge zu verhindern, bedarf es einer staatlichen
Regelung und Bankenaufsicht. Diese Hinweise mögen genügen, um
die allzu leichtgläubige These, durch Privatisierung der Risiken
ließen sich Eigeninitiative freisetzen und Geld sparen, zu hinterfragen.
Leider müssen wir aber wahrnehmen, dass auch die rot-grüne Regierung
entgegen des Wahlversprechens der SPD für mehr Gerechtigkeit zu sorgen,
auf einen marktradikalen Kurs eingeschwenkt ist. Friedhelm Hengsbach,
wichtigster Vertreter der katholischen Soziallehre in Deutschland bezeichnet
die entsprechenden Strategien wie z.B. die „Agenda 2010“ als
eine „Kriegserklärung der politischen Klasse gegen die Opfer
der Krise“ (FR vom 31.5.2003,S.8). So versuche die Agenda 2010 des
Bundeskanzlers, diese Kürzungen bei den Schwachen als soziale Reformen
darzustellen. Prinzipiell sei sie jedoch, so Hengsbach, eine „mutwillige
Demontage des gesellschaftlichen Zusammenhalts, zumindest die fahrlässige
Duldung sozialer Spaltung“.
Nach
oben
These
6: Sozialstaat ist kein Wachstumshemmnis sondern Garant sozialer Stabilität
Der Sozialstaat
ist dabei keineswegs ein Wachstumshemmnis. Peter Bofinger hat unter dem
Titel: „Der angeblich zu fette Sozialstaat bremst das Wachstum keineswegs.
Bevor wir uns zu Tode jammern: Gegen ökonomische Halbwahrheiten und
Fehldiagnosen“ in der Frankfurter Rundschau vom 25.8.2003 (S.9)
aus meiner Sicht die entscheidenden Argumente geliefert. Er verwies darauf,
dass Deutschland hinsichtlich der Staatsquote keinesfalls eine Spitzenposition
in der Europäischen Union einnimmt. Führend sind die nordischen
Länder Schweden, Dänemark und Finnland. Aber auch in Österreich,
Frankreich, Belgien, Italien und selbst in Großbritannien nimmt
der Staat mehr Ressourcen in Anspruch als bei uns. Dabei gilt: Alle diese
Ländern wiesen in den vergangenen Jahren eine deutlich stärkere
wirtschaftliche Dynamik auf als Deutschland. Umgekehrt ist Japan auch
durch eine Staatsquote nicht von der Deflation und den damit verbundenen
ökonomischen Problemen verschont worden. „Dass unsere aktuelle
Wachstumsschwäche nicht primär mit dem "zu fetten Staat"
erklärt werden kann, zeigt sich auch daran, dass unsere Staatsquote
- trotz der Vereinigung - seit 1975 nahezu konstant geblieben ist.“
(Bofinger nach FR vom 25.8.2003) Generell gibt es daher keinen negativen
Zusammenhang zwischen Sozialstaat und Krise. Gleichfalls unhaltbar ist
die verbreitete These die Abgaben seien in Deutschland zu hoch. Wie ein
internationaler Vergleich zeigt, liegt die Deutschlands Steuerquote innerhalb
der EU am Ende der Skala und mit den Sozialabgaben zusammen beträgt
die Quote im Jahr 2001 nach der Klassifikation der OECD gerade mal 36,4%.

Ebenso falsch
ist das Argument des nicht ausreichenden Verteilungsspielraums, der durchaus
aufgrund eines real wachsendes Sozialprodukt zur Verfügung stand.
Neben der dadurch verursachten Finanzkrise droht uns auch noch eine gesellschaftliche
Krise, wenn die Entsolidarisierungsprozesse im neoliberalen Geist anhalten
und der soziale Zusammenhalt zerbricht.
Nach
oben
These
7: Eine Umkehr der Steuerpolitik ist notwendig, um eine wachsende Schieflage
der Verteilung wieder abzubauen und die öffentliche Handlungsfähigkeit
zu sichern.
Steuersenkungen
konnten unter den Bedingungen einer Strangulierung der Binnennachfrage
und nachlassenden Exportchancen keine Anreize für Investitionen in
Arbeitsplätze schaffen. Stattdessen wurde der erweiterte finanzielle
Handlungsspielraum genutzt, um vermehrt in Finanzkapital zu investieren
und Geldvermögen zu bilden. Im Jahr 2000 wurden nach Angaben der
Deutschen Bundesbank von Inländern bereits 834,7 Mrd. DM für
Aktien, Wertpapiere und Fonds ausgegeben (Monatsbericht 11/2001, S, 48*
ff.). In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre betrug das durchschnittliche
Anlagevolumen dagegen nur rund 80 Mrd. DM pro Jahr. Bemerkenswert ist
auch, dass die Einkommen aus diesem gewaltigen Vermögen vom Fiskus
äußerst geschont werden. Allein von 1992 bis 1998 lagen die
unversteuerten Kursgewinne nach Angaben des DIW bei 493,6 Mrd. DM (Wochenbericht
30/99, S. 562).
Die Deutsche Bundesbank schätzte das Brutto-Vermögen der privaten
Haushalte Ende 1999 (ohne Produktivvermögen) auf insgesamt 17,3 Bill.
DM nach Abzug der Schulden blieb ein Reinvermögen von 14,55 Bill.
DM. Jeder Haushalt hatte demnach im Durchschnitt 153.000 DM an Geldvermögen
und 389.000 DM an Gesamtvermögen. Damit könnten die Bundesbürger
rund 7 Jahre ihre Lebensunterhalt bestreiten. Diese Durchschnittsangaben
täuschen jedoch darüber hinweg, dass es eine beachtliche Anzahl
von Haushalten gibt, die über gar kein Vermögen verfügen.
Bemerkenswert
ist auch, dass trotz des rapiden Anstieg des Vermögens in den neunziger
Jahre von +73% die generelle Sparquote gesunken ist und viele Haushalte
überhaupt keine Ersparnisse bilden konnten. Nach Angaben der EVS
1998 vergrößerte sich der Anteil der Haushalte, die über
keinerlei Geldvermögen verfügen, in der Zeit von 1993 bis 1998
in Westdeutschland von 3,3% auf 7,7% und in Ostdeutschland von 2,5% auf
7,4%. D.h. in Deutschland hatten 1998 immerhin 3,3 Mill. Haushalte keinerlei
Geldvermögen. Sogar Lothar Späth, Chef von Jenoptik, hatte auf
einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll wohl angesichts solcher
Fakten den Eindruck: „Die Verteilung von Einkommen und Vermögen
klafft immer weiter auseinander. Das meiste Geld liegt bei denen, die
es nicht ausgeben.“
Zu korrigieren sind aber nicht nur die unsozialen Verteilungswirkungen
und die fehlenden konjunkturellen Impulse der Steuerreform, sondern auch
die negativen Folgen für die Handlungsfähigkeit von Bund, Länder
und Gemeinden. Es ist angesichts der Sparpolitik der Bundesregierung zu
befürchten, dass die enormen Steuerausfälle den Verschuldungsdruck
erhöhen und zur Vermeidung der Überschreitung der EU-Konvergenzkriterien
weitere Ausgabenkürzungen beschlossen werden. Dies ist angesichts
des riesigen Bedarfs an Bestandssicherung und des notwendigen Ausbaus
der öffentlichen Infrastruktur (insbes. im Bildungs- und Sozialbereich)
nicht hinnehmbar. Über Jahrzehnte hinweg wurde insbesondere die technische
Infrastruktur, also Straßen, Kanalsystem, Trinkwasserleitungen usw.,
vernachlässigt und befindet sich z.T. in einem katastrophalem Zustand.
Erhebliche Lücken bestehen auch in der Ausstattung mit sozialen Infrastruktureinrichtungen
und im sozialen Wohnungsbau. Kommunale Planungsvorhaben lassen sich wegen
fehlenden kommunalen Grundvermögens immer schwerer realisieren. Das
Deutschen Instituts für Urbanistik hat für die Zeit von 2000
bis 2009 einen kommunalen Investitionsbedarf für Westdeutschland
von 929,1 Mrd. DM und für Ostdeutschland von 413 Mrd. DM errechnet.
Der Anteil der öffentlichen Bruttoinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt
lag in Deutschland im letzten Jahr nur noch bei 1,8%; 1994 lagen sie noch
bei 2,7% und Mitte der 60er Jahre bei 5%. Inzwischen ist die Bundesrepublik
innerhalb der EU mit Österreich Schlusslicht. Im Durchschnitt der
EU-Länder betrug der Anteil der öffentlichen Bruttoinvestitionen
2,5%, in den USA sogar 3,4%. Der Handlungsdruck sollte also groß
sein (EU-Kommission nach DIW 26/2001, S. 395).
Das gilt auch für den Bildungsbereich: Nicht zuletzt die PISA-Studie
hat deutlich gemacht, dass bisherige Benachteiligungsstrukturen im Bildungssystem
fortbestehen. Eine Verbesserung der Bildungschancen ist dabei nicht nur
sozialpolitisch geboten, sondern schafft auch durch höhere Qualifizierung
der bisher Benachteiligten Voraussetzungen für deren Marktzugang
und mehr Bildung erhöht generell die Innovationsfähigkeit einer
Gesellschaft. Der Europäischen Rat hat in diesem Sinn auf der Tagung
in Lissabon im März 2000 das strategische Ziel gesetzt, wegen der
hohen Bedeutung von Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen in der „Wissensgesellschaft“
für Investitionen in die allgemeine und berufliche Bildung eine hohe
Priorität zu fordern. Die Regierungschefs beschlossen, die Union
bis zum Jahre 2010 „zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten
wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen – einem Wirtschaftsraum,
der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren
Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt
zu erzielen“. ( zit. nach Pascal Schmidt: Öffentliche
Bildungsausgaben in der EU (1999) http://europa.eu.int/ comm/ eurostat/Public/datashop).
Besonders für die Konkurrenz- und Leistungsfähigkeit des Hochtechnologiestandorts
Deutschland gewinnt der Umfang und die Struktur des Humankapitals zunehmend
an Bedeutung. Gemessen an dieser Bedeutung ist es daher bedenklich, dass
in Deutschland nur 28% aller jungen Menschen eine Hochschulausbildung
beginnen und nur am Ende 16% einen Abschluss erreichen. Im Durchschnitt
aller OECD-Länder beginnen dagegen 40 % aller jungen Menschen eine
Hochschulausbildung und 23 % erhalten einen Abschluss (www.kmk.org/doc/oecd-bildung.htm).
Wegen des demographischen Wandels und auch der gegenwärtig stagnierenden
Qualifikationsentwicklung der Bevölkerung ist die Standortqualität
in Zukunft zusätzlich durch einen wachsenden Fachkräftemangel
gefährdet. Nach Prognosen der Länder-Kommission für Bildungsplanung
und Forschungsförderung (BLK) ist bereits bis zum Jahr 2015 insbesondere
auf dem Akademikerarbeitsmarkt und in abgeschwächter Form auch bei
betrieblich ausgebildeten Fachkräften mit einer Mangelsituation zu
rechnen, die nur durch ein Bündel gegensteuernder Maßnahmen
abgemildert werden kann. Hierzu zählt neben einer Verbesserung der
Beschäftigungsmöglichkeiten von Frauen und älteren Arbeitnehmern
sowie einer gesteuerten Zuwanderungspolitik insbesondere die Mobilisierung
von Reserven auf allen Ebenen der allgemeinen wie beruflichen Bildung
sowie der Weiterbildung." (Reinberg, Alexander / Hummel, Markus:
Arbeitslosigkeit: Qualifikation bestimmt Position auf dem Arbeitsmarkt,
in: IAB-Kurzbericht Nr. 15/2002, S.1)
Auch im Bildungsbereich gibt es also einen erheblichen Handlungsbedarf,
denn Deutschland ist eher Mittelmaß bei Investitionen in das „Humankapital“.
Innerhalb der EU liegt Deutschland am untersten Ende der Skala.
EU-Statistik
Öffentliche Bildungsausgaben in der EU (1999) von Pascal Schmidt
http://europa.eu.int/comm/eurostat/Public/datashop;vergleiche zu internationalen
Ausgaben auch: OECD (ed) Education at a Glance 1993- 2001, Paris; BMBF
(Hrsg): Grund- und Strukturdaten 2001/2002, Bonn 2002, S.484
Nicht nur
die Wiederbesinnung auf soziale Gerechtigkeit, sondern auch konjunkturpolitische
Gründe sprechen für eine Umkehrung der bisherigen Verteilungsrichtung.
Nicht zu niedrige Gewinne durch angeblich zu hohe Löhne, Steuern
und Sozialabgaben sind der strategische Engpass für mehr Beschäftigung,
sondern die stagnierende Massenkaufkraft und die zu geringe öffentliche
Nachfrage. Und: wir müssen über eine Kürzung und neue Gestaltung
der Arbeitszeit ebenso wie über einen öffentlich finanzierten
"zweiten Arbeitsmarkt" - insbesondere auf kommunaler Ebene -
nachdenken, um Beschäftigungschancen für alle bieten zu können.
Anstelle einer Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse unter dem
Diktat der Arbeitgeber geht es auch um mehr Selbstbestimmung von Flexibilität
und Gestaltung der Arbeit.
Nach
oben
Fazit:
Neben aktuellen
Maßnahmen wie einer offensiven Einkommenspolitik in den Tarifrunde
und der konjunkturpolitischen Flankierung durch die Senkung der Leitzinsen
durch die Europäische Zentralbank, geht es vor allem um beschäftigungsfördernde
Zukunftsaufgaben durch die öffentliche Hand. Deren Handlungsfähigkeit
ist durch einen Kurswechsel in der Steuerpolitik wieder herzustellen.
Es ist aus sozialen und konjunkturpolitischen Gründen nicht hinnehmbar,
dass sich die Wohlhabenden und das Kapital mit Unterstützung durch
die Politik weitgehend aus der Finanzierung des Staates verabschiedet
haben, obwohl sie an dessen Leistungen, wie z.B. im Bildungsbereich, bei
Eigentumsschutz etc. teilhaben. Auch in einer globaleren Welt hat ein
funktionierender Sozialstaat europäischen Musters einen hohen Stellenwert
letztlich auch für die Wohlhabenden.
Nach
oben
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These 1 und 2
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